Wittmann/Zeitblom: AUDIO.SPACE.MACHINE. Ein Bauhaus-Konzeptalbum (Deutschlandfunk/NDR Kultur/SWR 2)

Hinreißend

04.02.2019 •

Die Performance-Künstler, Musiker und Hörspielmacher Christian Wittmann und Georg Zeitblom schwirren schon seit vielen Jahren durch die Republik – mit bemerkenswerten Installationen und Produktionen in den Rundfunkanstalten, aber auch auf großen öffentlichen Plätzen oder gar in sakralen Räumen. Am 17. Juli 2018 tauchten sie beispielsweise das vollbesetzte Ulmer Münster mit Lichtspielen, Percussion, Videoinstallationen, Orgel, Elektronik und 60 verborgenen Bluetooth-Sendern in eine „transhistorische Ereignislandschaft“. Das Ulmer Wahrzeichen, seine Geschichte und sein Standort wurden in und durch eine neuzeitliche Medien-Renaissance verzaubert, die das Publikum überwiegend begeistert aufgenommen hat.

Aber die deutsche Hörspiellandschaft kennt wittmann/zeitblom – so figurieren die beiden Künstler gerne verkürzt in den Medien – auch als einfallsreiche und gediegene Hörspielmacher. Es sei an dieser Stelle wenigstens an einige ihrer Produktionen erinnert: „Ono Opera“ (BR 2004), „field dressing“ (HR 2008), „T.A.Z. – Temporäre Autonome Zone“ (Deutschlandradio Berlin 2012), „Die Existenz der Haut“ (Deutschlandradio Berlin 2014), „Black Noise“ (WDR 2016), „Perpetuum Mobile. Nach Paul Scheerbart“ (BR 2018), „@WONDERWORLD – The Story of Alice and Bob“ (Deutschlandfunk/SWR 2018).

Die aktuellen Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen des Bauhaus-Gedankens, seines Ruhmes und seiner Schlachten und Kontroversen haben wittmann/zeitblom in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk, SWR und NDR sowie der Interactive Media Foundation zum Anlass für ein akustisches „Bauhaus-Konzeptalbum“ genommen. Das Hörstück unter dem Titel „AUDIO.SPACE.MACHINE“ ist ein hinreißendes Geburtstagsgeschenk geworden, das zwar den Werdegang und die Geschichte des „Staatlichen Bauhaus“ (1919) unter der Federführung von Walter Gropius (1883-1969) kaleidoskopartig anspielt und auffächert, sich aber nie zu billigen Elogen hinreißen lässt. Natürlich wird aus den apotheotisch-feierlichen Manifesten und kanonischen Schriften zitiert, wenn Gropius etwa in den Äther posaunt: „Das Weltgefühl einer Zeit kristallisiert sich deutlich in ihren Bauwerken, denn ihre geistigen und materiellen Fähigkeiten finden in ihnen gleichzeitig sichtbaren Ausdruck und für ihre Einheit oder Zerrissenheit geben sie sichere Zeichen. Ein lebendiger Baugeist, der im ganzen Land eines Volkes wurzelt, umschließt alle Gebiete menschlicher Gestaltung, alle Künste und Techniken in seinem Bereich.“

Aber die Singularität des Großmeisters Gropius wird im Stück immer wieder wunderbar karikiert und zurechtgestutzt, wenn seine Kollegen, Freunde und Widersacher wie Mies van der Rohe (1886-1969), László Moholy-Nagy (1895-1946), Johannes Itten (1888-1967) oder Oskar Schlemmer (1888-1943) bald scharfzüngig oder kulturheischend, bald bissig oder relativierend den „Bauhaus-Gedanken“ immer neu vermessen, verschieben und verorten. Christian Wittmann und Georg Zeitblom lassen keine Ewigkeitsgedanken zu, sondern kratzen allenthalben an der Geburtstagstorte und lassen eben auch Schwarzbrot servieren.

Einem zu befürchtenden „Ewigkeitsgedanken“ vom Bauhaus wird sofort die Spitze genommen, wenn zum Beispiel die rein kapitalistische Ikea-Ideologie als Nachfolge-Ideal ins Spiel gebracht wird, wenn für Sekunden die brüchige Beziehung zu Alma Mahler (1879-1964) als freche Bettszene aufleuchtet („Zieh dich wieder an, Alma!“) oder wenn der noch lebende Kulturpapst Bazon Brock ins Hörgeschehen eingeschleust wird, um der verbalen Teildemontage des Bauhauses sein eigenes Aperçu aufzudrücken: „Die normative Kraft der Kontrafaktischen ist stets mächtiger als die des Faktischen.“ Witz, Ironie, Selbstironie und freundlicher Sarkasmus dominieren diese höchst amüsante Lehrstunde in Sachen Bauhaus, die ganz nebenbei auch mit vielen historischen O-Tönen der Granden gespickt ist.

Das Autorenteam wittmann/zeitblom hat die akustische Geburtstagsfeier in 17 Szenen gegliedert, die den Kosmos des Roaring Bauhaus nicht als Geschichtsbuch aufblättern, wohl aber als asynchronen Schnelldurchlauf durch eine Zeitmaschine, die die Fakten und Mythen der Bau- und Designmoderne lustvoll verhackstückt und zusammenpuzzelt und den akustischen Spieltrieb der beiden Hörspielmacher voll auf die Rechnung kommen lässt. Es sei (leicht) einschränkend angemerkt, dass die Bauhaus-Sprünge, die Blenden und Rückblenden, die akustischen Grotesken ganz allgemein den hochkonzentrierten Hörer zur Voraussetzung haben. Das Hörspielmagazin des Deutschlandfunks sprach am 1. Januar in einer Vorschau auf die Produktion nicht ganz unbegründet „von einem Husarenritt mit gezogener Klinge“. Wer das Hörspiel, das auf den Websites der beteiligten Sender noch bis Januar 2020 abrufbar ist, in vollen Zügen genießen und auch bis in seine filigranen Verästelungen verstehen will, dem sei als Vorbereitung fürs Radio das schlanke Büchlein „Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne“ von Winfried Nerdinger (C.H. Beck 2018) ans Herz gelegt oder er drückt nach der Sendung auf „Repeat“. Es lohnt sich allemal.

04.02.2019 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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