William S. Burroughs: The Cat Inside  (SWR 2)

Lohnende Herausforderung

22.11.2020 •

Am 4. Mai 1985 packte ein Mann ein paar Reiseutensilien zusammen, von dem man bislang nur als Dichter und sozialem Rebell gehört hatte, nicht aber als Apologeten eines beginnenden Untergangs. In dem kleinen Flugkoffer hatte er auch seine Katze ihre vier Jungen versteckt. Der Mann, der unterwegs war nach New York, um dort seinen Verleger wegen eines Katzenbuch-Projekts zu treffen, nahm die vier Neugeborenen sorgsam aus ihrem Notnestchen und wurde sich plötzlich bewusst, dass er nun ein „Katzenmann“ geworden war und dass zu seinen Aufgaben zählte, die Welt genau und schonungslos zu betrachten.

Wer war dieser Mann? Es war William S. Burroughs, geboren 1914 in St. Louis (Missouri) und gestorben 1997 in Lawrence (Kansas). Aus sehr wohlhabendem Südstaaten-Geldadel stammend, hatte er sich einen Platz als wichtiger Literat unter den Anführern der „Beat-Generation“ erobert. Der Amerikaner zählte zu den kulturell einflussreichsten und innovativsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Tod wurde es stiller um ihn. Die heutige Autorengeneration hat überwiegend andere Ziele und Themen. Eines allerdings haben sie gemeinsam: den Fortgang der Welt zu verfolgen, nicht ohne ihren Untergang zu beschwören. Neben dem Klimawechsel gehört das Aussterben der Arten – beziehungsweise die tödliche Gefährdung vieler Spezies – zu den bedrängenden Themen von Kunst und Forschung und interessiert eine große Öffentlichkeit.

Burroughs’ Buch „The Cat Inside“ wurde in den USA 1986 veröffentlicht, 1994 erschien es unter demselben Titel auch in Deutschland (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Esther und Udo Breger). In dem Buch hat Burroughs einen kleinen Teil der Welt und der Fauna in den Fokus genommen. Und es sind – was Wunder bei dem Titel – Katzen. „Es wird immer weniger schöne Exoten geben“, schreibt er: „Die mexikanische haarlose Katze ist bereits ausgestoben. Die kleinen, leicht zähmbaren Wildkatzen werden immer seltener. Wehklagende, verlorene Geister, die auf eine Menschenhand warten, die niemals kommen wird, zerbrechlich und traurig wie die von einem Kind vom Stapel gelassenen Schiffchen aus Herbstblättern auf einem Parktümpel“ („…fragile and sad as a boat of dead leaves launched in a park pond by a child“).

Vermutlich war es diese Parallele der Weltempfindung, die Kai Grehn zu einer Einrichtung des Textes als Hörstück – Bearbeitung wäre zu viel gesagt – veranlasste. „The Cat Inside“ ist eine szenische Lesung, die durch konturierende Miniszenen aufgelockert wird. Nur so konnte aus dem Text etwas werden, was als Kunstform in Radio seinen besonderen Charakter zeigt. Überwiegend wird der Text von David Bennent gesprochen, dessen unvergleichliches Timbre den Hörer durch Höhen und Tiefen einer Erzählung führt, die auch als Autobiografie apostrophiert wird.

Allerdings ist der Terminus „Autobiografie“ nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, auch wenn Burroughs im Pressetext des SWR, der das Hörstück produzierte, mit folgenden Sätzen zitiert wird: „Ich glaube, dass es niemanden gibt, der eine schonungslos offene Biografie schreiben könnte. Ich bin sicher, kein Leser könnte das aushalten.“ Und weiter: „Ein Psychoanalytiker würde sagen, dass ich Phantasien einfach auf meine Katzen projiziere. Ja, es verhält sich tatsächlich so, dass Katzen im wahrsten Sinne des Wortes als sensible Projektionsflächen für ganz präzise Geisteshaltungen dienen, sofern ihnen die passenden Rollen zugewiesen werden.“ Kai Grehn formuliert es auf seiner Webseite zum Stück so, dass Burroughs „eine Art Autobiografie“ im Sinn gehabt und ja selbst geschrieben habe: „Dieses Katzenbuch ist eine Allegorie, in der Katzen als Darsteller das Leben des Autors aufführen.“

Mag sein, dass es Burroughs in dem noch immer puritanischen Amerika der 1980er Jahre nur im Umschlag vom banalen Leben zur literarischen Überhöhung möglich schien, sich von seinen inneren Dämonen freizuschreiben. Immerhin sah er sich gezwungen, durch Heirat von seiner Homosexualität abzulenken (nicht in den Kreisen seiner Autorenkollegen, aber in denen seiner Herkunft). Er flüchtete in den Drogenrausch. Das Ehepaar zog nach Texas und fand neben Amphetaminen auch im Alkohol Aufputsch und Vergessen und floh vor der polizeilichen Verfolgung wegen massenhaften Anbaus von Marihuana nach Mexiko.

Am 6. September 1951 erschoss Burroughs seine Ehefrau und Seelenfreundin Joan Vollmer in Mexiko City: Burroughs, so hieß es dazu, sei plötzlich auf die Idee gekommen, „Wilhelm Tell“ nachzustellen – das Whiskeyglas, das er seiner Frau auf den Kopf gestellt hatte, blieb merkwürdigerweise aber nachweislich ganz. Joan Vollmer verstarb in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Mexiko City als Folge des Schusses. Die schwerreiche Familie des Autors sorgte durch die Zahlung einer hohen Summe in bar dafür (man spricht von 20.000 Dollar – damals ein enormer Betrag), dass das Ereignis von der Justiz als Unfall eingestuft wurde und Burroughs einer Gefängnisstrafe entkam.

Diese Drogengeschichte hinter der Geschichte lässt der Text der Hörproduktion beiseite. Zu vermuten ist, dass die Hauptgeschichte – drohender Weltverlust – nicht durch ein weiteres, individuelles Drama überfrachtet werden sollte. Einzig die Komposition von Bernd Jestram und Ronald Lippok, die als Berliner Duo „Tarwater“ und als Klangtüftler bekannt geworden sind, lässt etwas von der Gefährlichkeit ahnen, die mit immer wieder aufscheinenden Rissen die vorgetäuschte Wohlgeformtheit des Textes in Frage stellt.

Kai Grehn hat als Regisseur erstklassige Arbeit geleistet. Dabei ist der Beitrag des Schauspielers David Bennent nicht zu unterschätzen. Aber auch Dagmar Manzel, Christopher Nell und Hanna Plaß werden in ihren kleineren Partien taghell geführt. Man möchte sich diesen Klängen – denen der Komposition und denen der Schauspieler – überlassen und nicht in die Welt des Untergangs eintauchen. Doch wer genau hinhört, wird bald erkennen, dass das Eintauchen in einen scheinbar „leichten“ Text und seine intellektuell verführerische radiophone Gestaltung eine lohnende Herausforderung ist.

22.11.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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