Werner Fritsch: Mutter Sprache (Deutschlandfunk Kultur/Bayern 2)

Aussterbende Sprachlichkeit

22.02.2021 •

Der Oberpfälzer Werner Fritsch gehört sicher zu den ganz beständigen Hörspielautoren in der Republik, seit 1988 sind weit über 20 eigenständige Radioarbeiten aus seiner Hand für die öffentlich-rechtlichen Sender produziert worden. Er wurde 1993 für „Sense“ (SWF) mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden geehrt und der Monolog „Enigma Emmy Göring“ (SWR) errang 2006 die Auszeichnung „Hörspiel des Jahres“. In vielen seiner akustischen Kunstwerke dominiert die monologische Einsichtnahme in das Private und auch das Weltgeschehen. Fast immer wetterleuchtet gewalttätige Auseinandersetzung mit der spezifisch deutschen Vergangenheit, wobei das Gestern gerne und hartnäckig in einer oberpfälzischen sprachlichen Anmutung „Heimat“ ein Zuhause im Radio gibt.

Werner Fritsch, so könnte man sagen, bewahrt eine aussterbende Sprachlichkeit – sie ist keineswegs als Dialekt oder Mundart misszuverstehen – in einer kreativen Reanimation von verschollenen, absterbenden oder dem Vergessen geweihten Sprech- und Sprachtrümmern. Als Literat, Dichter und Hörspielautor ordnet er die orale Welt der Mitteilungen zu einem oft archaisch anmutenden „Tonband-Realismus“ (W. Fritsch), der dem Fotorealismus illusionistischer Gemälde und Zeichnungen verwandt sein könnte oder doch daran erinnert.

Dieses sprachliche Verfahren, Gehörtes und Protokolliertes aus dem Oberpfälzer Lebensraum nochmals durch den Zugriff des Autors zu synthetisieren und neu zu ordnen, hat Fritsch auch in dem Stück „Mutter Sprache“ (es liegt seit 2010 im Druck bei Suhrkamp vor und erfuhr 2018 im Münchner Theater „Blaue Maus“ die Uraufführung) erprobt und durchgestaltetet. Am palliativ versorgten Sterbebett der Mutter erinnert sich die Tochter an ein Mutterleben, das „ein Gehetz und ein Gewürg“ war. Die durchweg schweigende und komatöse Mutter erfährt ihre sprachliche, emotionale und geistige Reanimation durch einen vielschichtigen Monolog der Tochter am Sterbebett. Lena Stolze spricht in der Gemeinschaftsproduktion von Deutschlandfunk Kultur und Bayerischem Rundfunk (BR) die spiegelnde und sich rückbesinnende Tochter.

Im bewussten und artifiziellen sprachlichen Zugriff ist diese Hörspielproduktion dann nie Heimatfunk oder nostalgischer Rückgriff auf eine Mundartnische, sondern zeigt einen Gestaltungsimpetus, der Vergangenes und eine schmerzliche Frauenbiografie zu einer ganz eigenwilligen Ausstrahlungsform verbindet. Triadisch geformte Denk- und Sprechinseln wie „Mutter Sprache“, „Mutter Gottes“, „Mutter Natur“, anaphorisch-religiöse Rhythmisierungen („Tag auf Tag, Schlag auf Schlag, Schlag auf Schlag“) verweisen auf mythische Urgründe, die Werner Fritsch wieder mit Beharrlichkeit ausleuchtet. Regisseurin Christine Nagel hat durch geschickte retrospektive Klänge und Geräusche aus dem ländlichen Leben der stummen und dahinsiechenden Greisin eine von außen zukommende non-personale Stimme verliehen.

Ob die eingetragenen Schlagerfetzen der Tochter dann nicht doch ein Schuss zu folkloristisch daherkommen, das steht auf einem anderen Blatt. Zusammengefasst: Ein später Werner Fritsch kam hier ins Radio, eine ganz vertraute Radiohandschrift also mit Sarkasmus und Witz am Sterbebett und der Hoffnung auf ein gnädiges Einschlafen: „Jetzt schlaf schön, mein, mein, mein Himmelsplätzchen.“

22.02.2021 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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