Werner Fritsch: Faust Sonnengesang. Ein Hörgedicht (Deutschlandfunk)

Verweilet doch – und hört!

10.05.2013 •

„Faust Sonnengesang“ ist das weit ausgreifende polymediale Projekt des Berliner Autors und Filmemachers Werner Fritsch zu einer neuen „Faust“-Vision für die Gegenwart. Der dafür 2009 in Fritschs Frankfurter Poetik-Vorlesungen angekündigte Plan „setzt da an, wo Goethes ‘Faust’ aufhört“ und sammelt das filmische und akustische Material auf fünf Kontinenten für eine Darstellung in fünf verschiedenen Formen: als Gedichttext, als Filmgedicht, danach als Hörgedicht, als Aufführung auf dem Theater und letztlich als Installation im Bereich der bildenden Kunst. Fausts Reisen in der Gegenwart sind also auch des Dichters Reisen in verschiedene Gattungen und somit Experimente mit dem heute nicht unwahrscheinlichen Motiv, dass es viele Momente an den unterschiedlichsten Orten geben könnte, die zum „Verweile doch!“ angerufen werden könnten.

Nach dem ersten Teil des Filmgedichts (vgl. hierzu FK-Heft Nr. 2/11) folgte im Jahr 2012 das Hörgedicht, das nun in der neuen Fassung der Autorenproduktion vom Deutschlandfunk erstmals ausgestrahlt wurde. In der Sendelänge ist das Hörstück, besonders im Vergleich zum dreistündigen Film, noch weiter gekürzt worden, und zwar von der damals vom Autor nicht vollständig beendeten 65-Minuten-Fassung auf die rund 50 Minuten des gängigen Hörspielformats. Doch gerade hierin mag der Schlüssel liegen, wenn man die polymediale Arbeit mit dem wohl ausufernd vorhandenen Material und seiner Bearbeitung durch Fritsch als Inszenator vergleichend beurteilen will.

Denn mit diesem Hörgedicht ist, wie schon ähnlich beim Filmgedicht, eine Zuordnung zu bekannten Formen oder Traditionen des Hörspiels kaum möglich. Es handelt sich tatsächlich um eine auch etwas von Goethes Sprachform aufnehmende Dichtung, in der Fritsch zwischen geradezu planetarischer Sonnenbetrachtung und eigener Herkunft aus einem Flecken in der Oberpfalz gleichsam von einer thematischen Insel zur nächsten übersetzt, um die Teufelswette mit der Sonnensymbolik für den großen Bogen zu spannen. Dabei ist das Werk weder erzählendes noch dramatisches Hörspiel, sondern vielmehr die poetische Gedankenfahrt eines heutigen „Faust“-Forschers, dem die ältesten Höhlenmalereien und eine Frau in einer Höhle irgendwo in Arabien ohne weiteres in das „Theater unter der Schädeldecke“ übergehen und dem der Sonnenmythos als allen von ihm mit Kamera und Mikrofon bereisten Kulturen gemeinsam erscheint. Der Ursprung aller Religionen wird gesehen im eigenen Erleben, auch das ein wahres „Faust“-Motiv, und er wirkt hier als Appell des Fragens nach dem Universalen.

Zu einem großen Teil sind im Hörwerk Sprechpassagen aus dem Film verwendet, darunter mit den vor kurzem verstorbenen Schauspielerinnen Jennifer Minetti und Käthe Reichel zwei Stimmen, die im deutschen Hörspiel fehlen werden, außerdem mit Angela Winkler und Ulrich Matthes zwei Schauspieler, die wie auch Michael Altmann und für diese Hörspielfassung Peter Simonischek jeweils ihren ganz eigenen Ton für die Fritsch-Texte einbringen. Deren Anordnung zur Musik und den Sounds von Ronald Steckel und Zett PIAO ergibt nun aber einen wesentlich anderen Eindruck als im Film. Nämlich als viel eindringlichere Umkreisung der spirituellen Themen in diesem Sonnengesang im Vergleich zu den transkontinentalen Bilderwelten des Films und ihrer Orte zwischen Orient und der Spitze Norwegens in den Tagen, da dort die Sonne nie untergeht. Hier geht es akustisch mit den die Worte hochtreibenden sphärischen Klängen immer wieder um die Beschwörung der Sonne im Gelingen und Befragen des Lebens. Mit dieser Umdeutung der Mephisto-Wette gibt es tatsächlich viele Augenblicke an vielen Orten – und somit Fritschs Faust als aktuelle Antwort.

Vor allem mit dem Einsatz von Steckels zwischen elektronischem Bombast und feinstem Sirren wechselnder Musik gelingt Werner Fritsch als Regisseur die ‘Verinselung’ seines so überbordenden wie mehrschichtigen Textes für Assoziationen, die starke Pausen brauchen, um sich als Hörgedicht zu entfalten. Messlatte sind die Bach-Choräle am Anfang und Ende des Stücks als höchste Erhabenheit der Komposition von Wort und Musik. Das Hörgedicht setzt dem mit seiner eigenen Verbindung von Wort und Musik mit aller Kraft nach. Ein Faust müsste auf diesen Kopfkosmos wetten.

10.05.2013 – Thomas Irmer/FK

 

• Text aus Heft Nr. 19/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

10.05.2013 – FK

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