Werner Fritsch: Call Me Moses. Reihe „Das Bibelprojekt“ (HR 2 Kultur)

Das Recht auf Hochkultur

30.12.2016 •

Werner Fritsch hat einen Aufenthalt im Februar 2016 in New Orleans dazu genutzt, Tonaufnahmen vom dortigen Karneval zu machen, einem Ereignis, das diese Stadt im US-Bundesstaat Louisiana zu einem Tollhaus werden lässt. Zugleich wollte Fritsch aber auch Auswirkungen des Wirbelsturms „Katrina“ dokumentieren. Am 29. August 2005 um 9.45 Uhr Ortszeit hatte das Auge des Hurrikans unmittelbar über der Stadt gestanden. Riesige Areale wurden zerstört. Nur das Französische Viertel (French Quarter) und der Garden District – die einzigen über dem Meeresspiegel gelegenen Stadtteile – blieben von der sintflutartigen Überschwemmung verschont, die der Wirbelsturm mit sich brachte. Die Auswirkungen waren verheerend. Noch mehr als zehn Jahre danach sind Narben erkennbar, sind traumatische Folgen spürbar.

Werner Fritsch, Hörspiel- und Theaterautor, Lyriker und Filmemacher, konnte sich diesen Eindrücken nicht entziehen – auch oder gerade weil die Stadt sich in so unglaublichem Maß erholt hatte. Zumindest an der Oberfläche. Die weltbekannten Karnevalsumzüge des „Mardi Gras“, des „Fetten Dienstags“, einem Erbe der französischen Gründer der Stadt und des Bundesstaats Louisiana (so benannt nach dem französischen „Sonnenkönig“ Louis XIV.), tanzen über Verwüstung und Verheerung hinweg, als sei da niemals etwas gewesen. Die Lebenslust, der Lebenshunger frisst das Leid.

Im Rahmen der vom Hessischen Rundfunk (HR) veranstalteten Hörspielreihe „Das Bibelprojekt“ war Fritsch um seine Paraphrase des alttestamentarischen Moses gebeten worden, des Propheten, der nach biblischer Überlieferung als von Gott Beauftragter das Volk der Israeliten auf einer 40 Jahre währenden Wanderung aus der ägyptischen Sklaverei heraus in das Land Kanaan führen sollte. Vor und inmitten der Geräuschkulisse aus Archivaufnahmen und Tonmitschnitten eines Karnevalsumzugs in New Orleans platziert Fritsch seinen Moses, einen alten, alterslosen Mann, der – ein anderer Hiob – in Fritschs Version mit Gott rechtet.

Der Autor lässt im Hörspiel „Call Me Moses“ seine Hauptfigur, unter einer Brücke versteckt, vor dem Getümmel des Umzugs und dem Lärmen der Straßenmusiker einen langen Weg rekapitulieren. Im Gegensatz zum biblischen Moses ist dieser jedoch nicht ins Gelobte Land Israel gezogen, sondern nach Flucht und Vertreibung aus Nazi-Deutschland nach Amerika. Aber dort findet er nur Zerstörung vor, die sich ihm durch den Wirbelsturm manifestiert. Der Hurrikan hat diesem Moses Frau und Kind genommen. Sie wurden in ihrem Haus, in dem sie Schutz gesucht hatten, Opfer der Wassermassen und der Trümmer der zerfetzten Häuser.

Fritschs Moses ist Hiob nahe, sein Gott ist ebenso ein altägyptischer wie auch der Jahwe Israels. Ganz ungeachtet der Frage nach der historischen Realität und religiösen Überlieferung macht die erzählerische Kraft des Autors die Bedeutung dieser Geschichte aus, denn Werner Fritsch hat die Fähigkeit, elementare Bestandteile seiner Werke synoptisch zu sehen. In der Zusammenfügung des Disparaten, der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen macht das Radiostück, auch von ihm inszeniert, die Stärken dieses Könnens deutlich.

Es macht aber zugleich deutlich, dass diese synchronistische Gabe auch ihre Grenzen hat. So etwa in der – zumindest namentlichen – Gleichsetzung des Hurrikans „Katrina“ mit dem einer Kathrin, die einmal in Moses Leben eine Rolle gespielt hat. Das Bedürfnis nach dem Zusammenfügen des Disparaten führt gelegentlich zu einer stilistischen Schieflage, die bei einem Autor von Fritschs Kaliber besonders deutlich wird. Zudem sind da gewisse Alliterationsverliebtheiten („eine Batterie Bier um den Bauch“), die sich nicht einfügen wollen in den vor allem zu Beginn des Textes ekstatischen, fast expressionistischen Gestus. Dennoch bleibt Fritschs Sprachmächtigkeit letztlich davon unbeschadet, zumal das rund 70-minütige Stück mit fortschreitender Textentwicklung mehr und mehr an Stimmigkeit und Individualität gewinnt.

Der im September dieses Jahres im Alter von 73 Jahren gestorbene Michael Altmann spricht hier als Moses seine letzte Rolle. Seine vielseitige und eindrucksvolle Stimme verhilft dem Text gleichsam unter dem „Dirigat“ des Autors zu akustischer Prägnanz und gibt dem gebrochenen Charakter dieses Moses Glaubwürdigkeit. Er hat weder Michelangelos statuarische Majestät noch das Strahlen, das in frühen Bibelversionen als „Glanz Gottes“ gesehen und durch die Stirnhörner symbolisiert wird. Er ist ein moderner Mensch, desillusioniert, zögernd, unentschlossen – ein Zerstörter. Verdeutlicht wird das in dieser Produktion noch durch einen „Soundtornado“ (Werner Fritsch). Er setzt sich in der Gestaltung durch Miki Yui und Albrecht Panknin aus den akustischen Spuren der Verheerungen des Wirbelsturms zusammen und wird amalgamiert mit schrillen Klängen des „Mardi Gras“ als Verkörperung von Lebensgier. In diese Sprach- und Tonkomposition bringt die Stimme von Effi Rabsilber in der dreigeteilten Rolle als Kathrin/Tharbis/Isis eine Art „Oberton“, ein eigen­williges Schweben.

„Call Me Moses“, zu hören am 28. Dezember 2016 bei HR 2 Kultur, war ein würdiger Abschluss der Bibelreihe, die von der HR-Hörspielredaktion unter Anregung und der Leitung von Ursula Ruppel seit Herbst 2014 zusammengestellt wurde (vgl. hierzu auch FK-Heft Nr. 51-52/14). Es ist ein ungewöhnliches, anspruchsvolles und gelungenes Projekt, das der oft gescholtenen Hochkultur ihr Existenzrecht bescheinigt und das zeigt, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Sinne seines Kernauftrags zu leisten in der Lage ist. Die Reihe umfasst insgesamt 21 Hörspiele und ist jetzt im Münchner Hörverlag unter dem Titel „Die Bibel. Das Projekt“ auch als CD-Edition erschienen, die außerdem auf einer MP3-CD 21 Essays von namhaften Theologen und Religionswissenschaftlern zum Bibelkosmos umfasst.

30.12.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK