Werner Cee: When Weather was Wildlife (SWR 2)

Dunkelheit herrscht über allem

30.03.2020 •

Es ist eine ganz eigene Welt, eine Klang- und Untergangswelt, die der Komponist Werner Cee in seinem neuen Radiostück vorstellt. Als die Produktionsabsicht geboren wurde und die Aufnahmen stattfanden, konnte man nicht wissen, in welche Todesängste ein bedrohlicher Krankheitserreger namens „Coronavirus“ Millionen von Menschen stürzen würde. Wenn es so etwas gibt wie einen schicksalhaft gewollten Zufall, dann manifestiert er sich hier, in diesem Grundgefühl aus Angst – und Beruhigungsversuchen, von denen man sich wünschte, sie gelängen.

Werner Cee, Jg. 1953, hat schon viele Auszeichnungen erhalten. Eine der wichtigsten war zweifellos im Jahr 2010 der Prix Italia für sein vom Hessischen Rundfunk produziertes Hörspiel „Winterreise“ (vgl. FK-Heft Nr. 10/10). Und nun, in „When Weather was Wildlife“, wendet er sich erneut Phänomenen zu, die bei oberflächlicher Betrachtung die teils bizarren meteorologischen Verwerfungen des Wetters der letzten Jahre benennen. In Wahrheit sind es jedoch phantasmagorische Empfindungen und akustische Meditationen zum Thema Klima, das nicht nur in unseren Zeiten viele Menschen verängstigt. Auch wenn er wenig präzise zwischen Wetter und Klima unterscheidet, ruft Cee doch den seit Menschengedenken existierenden Wunsch klar vor Augen, ins Wettergeschehen auf der Erde einzugreifen.

An die Stelle ritueller oder religiöser Wetterbeschwörungen ist heute ein wissenschaftlicher Diskurs getreten, der auch unter Künstlern unterschiedlichster Sparten geführt wird. In seinem skizzenhaften Skript hat der Komponist eine große Zahl unterschiedlicher Materialien collagiert – wie etwa Texte des isländischen Pastors Jon Steingrimsson, der exakte Aufzeichnungen zum im Juni 1783 erfolgten Ausbruch des Vulkans Laki im Süden Islands gemacht hat. Oder Auszüge aus dem im Juli 1816 entstandenen Poem „Darkness“ von Lord Byron (1788-1824), dem Gedicht, in dem der englische, der Romantik zugerechnete Dichter sich auf „das Jahr ohne Sonne“ bezieht.

1816, auch „das Jahr ohne Sommer“ genannt, war ein Jahr großer Hungersnöte, Verwüstungen und Grausamkeiten. Was die Ursache dieses Jahres ohne Licht und Sonne war, konnte man seinerzeit nicht wissen. Längst ist jedoch gesichert, dass dieses Naturphänomen auf den Ausbruch des Mount Tambora (damals: Niederländisch-Ostindien, heute: Indonesien) zurückzuführen ist. Die Vulkanasche verdüsterte in den folgenden Monaten den Himmel und damit die Sonne. Alles Leben schien zu ersterben. Byron löste sich von romantischen poetischen Traditionen, um dem Entsetzen auf eindringliche Weise gerecht zu werden: „Seasonless, herbless, treeless, manless, lifeless – / A lump of death – a chaos of hard clay. […] / Darkness had no need / Of aid from them – She was the Universe.“

Die Konsequenz aus Byrons Zeilen ist die Erfahrung: Dunkelheit herrscht über allem. Dies führt Werner Cee in seinen kompositorischen Visionen dazu, selbst für den Meteorologen kaum nachvollziehbare klimatische Sprünge quasi kaleidoskopisch in den Blick zu nehmen. Er verbindet textlich auszugsweise klimawissenschaftliche Untersuchungen der neuesten Zeit mit den bereits erwähnten literarischen Zeugnissen und fügt aus früheren Untersuchungsgebieten Aufzeichnungen bei, die vor wenigen Jahren am sizilianischen Vulkan Ätna gemacht wurden. „I Misteri“ – die Mysterien – betitelte er seine 2016 im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR) erstellte „Fieldrecording-Oper“, wo bereits jene archaischen Beschwörungsformeln zum Klingen gebracht und in ein akustisches Spektakel eingebunden wurden, die Cee auf seinem Weg in imaginäre, vor allem aber wilde und berauschende, bedrohliche Welten begleiten (vgl. MK-Kritik).

„When Weather was Wildlife“ ist erneut ein kompositorisches Amalgam, dem man aufmerksam folgt, auch wenn es die einzelnen Bestandteile den Hörern gelegentlich recht schwer machen. E-Gitarren werden akustisch im Vordergrund postiert und damit laut und schrill dominant. Doch auch viele andere, gesampelte Instrumentenklänge und Gesang drängen sich auf, wirbeln die Cluster durcheinander. Dazu kommen Zitate aus Gedichten, „Cloud Songs“ genannt, die von Neville Tranter vorgetragen werden, einem australischen Puppenspieler mit eindrucksvoller Stimme und australischem Akzent. Ein amerikanischer Klimatologe gibt das Seine dazu.

Eine gewisse wissenschaftliche Überheblichkeit ist in dem Stück nicht zu überhören. Aber gerade diese Dissonanz zwischen Wissenschaft und Natur (wildlife) hat der Autor-Komponist-Regisseur im Sinn. Sie ist der Puls dieser Produktion, die möglicherweise wegen ihres hohen künstlerischen Anspruchs und der komplexen Verdichtung von Text, Musik und Geräuschen auf manchen potenziellen Hörer verzichtet (die Texte sind ganz überwiegend in Englisch). Wer sich dem Artefakt jedoch zuwendet, erfährt ein tiefgreifendes Gefühl von Lebensnot und Angst, das mit dem breiten Register der Ars Acustica und großem Können dargestellt wurde.

30.03.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK