Walter Filz/Michael Lissek: Akte 88 – Die tausend Leben des Adolf Hitler. 10‑teilige satirische Hörfunkserie (SWR 2)

Zähler und Erzähler

22.10.2018 • Wo soll er nicht überall gesehen worden sein, Adolf Hitler, „der größte Feldherr aller Zeiten“ (spöttisch „Gröfaz“ genannt), der sich selbstverständlich nicht am 30. April 1945 in Berlin erschossen hat – wenn man den vielfältigen Verschwörungstheorien glaubt. Gesehen worden sein soll er in Rottach am Tegernsee, in Magdeburg, Flensburg oder Hamburg, in Tschechien, Spanien, Tibet, in oder unter der Antarktis, im Universum oder sonstwo. „Sonstwo, was heißt denn das?“, fragt sich Walter Filz in der zusammen mit Michael Lissek verfassten zehnteiligen satirischen Serie „Akte 88 – Die tausend Leben des Adolf Hitler“ und stößt auf folgende Antwort: „30. April: Hitler lässt sich mit einer V2 aus Berlin schießen und landet sonstwo.“

„Sonstwo“ ist noch die beruhigendste Antwort, wenn man sich in den Kosmos der Verschwörungstheorien begibt, die vom Weiterleben Hitlers ausgehen. Folie für die Auseinandersetzung von Filz uns Lissek ist die Fernsehserie „Hunting Hitler“, die zwischen 2015 und 2018 in drei Staffeln mit insgesamt 25 Folgen für den US-amerikanischen Sender History Channel gedreht wurde. In Deutschland lief sie unter dem Titel „Hitlers Flucht“ beim zur RTL-Gruppe gehörenden Nachrichten- und Dokumentationskanal n-tv.

Walter Filz und Michael Lissek, der eine ist Leiter der Redaktion ‘Hörspiel und Feature’ beim Südwestrundfunk (SWR), der andere dort Redakteur für Radio-Essay, imaginieren sich als investigative Forscher, die – ganz öffentlich-rechtlich – „Orientierung“ bieten wollen im Dschungel der Verschwörungstheorien. Dabei wird ganz nebenbei der Duktus des Rundfunks wie auch die Eitelkeit der Podcast-Presenter veralbert. Die Serie lief im September im linearen Programm von SWR 2, doch ihre 20-minütigen Episoden sind wohl eher für zeitsouveräne Podcast-Hörer gemacht.

Die Hitler-Geschichten stehen prototypisch für beliebige Verschwörungstheorien, die alle in der Regel drei Logikfehler gemeinsam haben: Wer nichts sagt, verschweigt etwas, was gut erzählt ist, kann nicht falsch sein und wer die Wahrheit sucht, darf keine Fakten hinnehmen. Denn nichts ist so, wie es scheint, raunen die Verschwörungstheoretiker – und wer glaubt schon den sogenannten Historikern oder der Regierung oder allen anderen, die einem angeblich vorschreiben wollen, was man zu denken hat?

Dazu gibt es in der Serie noch eine kurze Lektion in, wie es dort heißt, „ontologischer Modalität für Superdummies“, die gleich zweimal vorkommt, in Folge 3 und Folge 7. Darin unterscheidet man Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit. Die Möglichkeit beweist nicht die Wirklichkeit oder gar die Notwendigkeit einer Handlung. Warum sollte sich ein Diktator, der die Weltherrschaft will, umbringen, wenn er genauso gut fliehen könnte? Das ist denn auch die Ausgangsfrage der „Hunting-Hitler“-Autoren.

Filz und Lissek haben zwei Typen von Verschwörungstheoretikern ausgemacht: die Zähler und die Erzähler. Die Zähler sind die, die einen Nebel aus Fakten um ihre Wahngeschichte erzeugen. Da stimmen die Flugzeugtypen, Tankvolumina, Reichweiten und alle Daten, die irgendwie recherchierbar sind – und so werden Möglichkeiten schnell zu Wirklichkeiten. Was die Erzähler stark macht, haben Filz und Lissek in ein Gedicht gefasst:

Ja, ich seh’, ihr glaubt’s mir schon
durch die Kraft der Narration
ist die Story gut geraten
braucht kein Mensch genaue Daten
Ist doch Grütze, was der Fall ist
Suggestivität ist alles.

Nicht nur bei „Hunting Hitler“ werden die Zähler zu Helden der Erzähler, die nun datenunterfüttert raunen können. Da hilft nicht einmal mehr, wie es den Autoren der Serie zwischendurch einfällt, bei echten Fakten den Anfang von „True“ einzuspielen, jenen unsäglichen Nummer-1-Hit der britischen New-Romantic-Band Spandau Ballet aus dem Jahr 1983. Ebenso schwierig ist es, der Falle zu entkommen, die Fakten der verschwörungstheoretischen (Erbsen-)Zähler nachzuprüfen, um sie zu widerlegen. Denn Wahnsysteme können beliebige Fakten problemlos integrieren.

„Akte 88“ ist eine unterhaltende Feature-Serie, die verschiedene Erzählformen umfasst. So gibt es unter anderem auch eine Musical-Folge, es ist die achte, in der fiktive FBI-Agenten auf Anweisung des damaligen realen FBI-Chefs J. Edgar Hoover alle Hitler-Sichtungen penibel archivieren müssen. Folie dafür sind der Film und das Musical „The Producers“ von Mel Brooks (1968/2001). Dafür haben die Autoren der Radioserie die Songs umgedichtet und einen der FBI-Agenten von einer Hörspielkarriere träumen lassen – als wäre ein Hörspiel- dasselbe wie ein Hollywood-Studio. Leider wird dieser Referenzrahmen unterschlagen und die Witze mit denen man sich über das bedeutungsschwangere, pathosgesättigte Hörspiel der 1950er Jahre lustig macht, sind eher schlechte schlechte Witze im Gegensatz zu den vielen guten schlechten Witzen, die immer wieder in der Serie aufblitzen.

Am meisten scheinen sich die Autoren vor dem sogenannten „Schulfunkdialog“ zu fürchten, in dem sich zwei Gesprächspartner erzählen, was beide schon wissen, der Hörer aber mutmaßlich noch nicht. Natürlich entgehen auch sie dieser Falle nicht. Nach den insgesamt rund drei Stunden der zehnteiligen Serie weiß man aber tatsächlich einiges mehr. Nicht nur, welche Eigenschaften Verschwörungstheorien haben, wie Radiofeatures funktionieren, wer die Beatles-Songs getextet hat (Theodor W. Adorno) – und wer der leiblich Vater von Kanzlerin Angela Merkel ist. Dreimal dürfen Sie raten.

22.10.2018 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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