Uta-Maria Heim: Hegel & Hegel oder Der Geist des Weines. Mundarthörspiel nach der gleichnamigen Erzählung von Otto A. Böhmer (SWR 4 Baden-Württemberg)

Spitzbübischer Charme

18.09.2020 •

Ein guter Schwabe, auch mit halber Bildung, weiß noch heute um die Zusammenfassung suebischer Geistesgrößen, die da lautet:

  Wir sind das Volk der Dichter,
  Ein jeder dichten kann,
  Man seh’ nur die Gesichter
  Von unser einem an.
  Der Schelling und der Hegel,
  der Schiller und der Hauff,
  das ist bei uns die Regel,
  das fällt hier gar nicht auf.

Zugeschrieben wird diese Eloge dem Verseschmied, Archäologen und Kunsthistoriker Eduard Paulus (1837-1907) und ist eine Komprimierung, die nicht in allen deutschen Landschaften und Gauen auf Zustimmung treffen wird, auch heute nicht. Auf alle Fälle galt es dieser Wochen – nach stürmischem und festlichem Gedenken an Hölderlin und Beethoven – auch des philosophischen Fels’ in der Brandung der deutschen Geistesgrößen, Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), zu erinnern, jenem monolithischen Wegbereiter des Idealismus, der zu seiner Studienzeit im Tübinger Stift sein Zimmer mit Hölderlin und Schelling teilte und dessen 250. Geburtstag (27. August) heuer gedacht werden kann.

Rudolf Steiner (1861-1925), der Theosoph und Begründer der Anthroposophie, schwärmte zunächst (bevor er sich später von Hegel distanzierte) geradezu, wenn er 1909 ausführte, Hegel erscheine als derjenige unter den „modernen Geistern“, welcher das Erfahren des Innern zur höchsten Blüte gebracht habe. Er erscheine als derjenige, welcher in die Ätherhöhen, in die lichthellen Regionen des Denkens den Menschen führen könne, und für denjenigen, der sich befruchten lassen wolle von Hegels kristallhellen und in Ätherhöhen schwebenden Gedankengängen, werde auch eine andere geistige Strömung, welche in der Menschheit gewaltet habe, verständlich.

In der amüsanten Hörspielstudie „Hegel & Hegel oder Der Geist des Weines“ nach einer Erzählung von Otto A. Böhmer (2011 publiziert im Verlag Klöpfer & Meyer), lustvoll adaptiert von der SWR-Dramaturgin Uta-Maria Heim ging es nicht unbedingt um den Widerstreit von Gott und der deutschen Philosophie, die Frage von Empirismus und subjektivem Idealismus, auch nicht um den Begriff des absoluten Geistes oder um „Fortschritt im Bewusstsein des Geistes von seiner Freiheit“ (Hegel) – nein, dem Hörer wurde in der weitgehend monologisch angelegten Hegel-Studie, ausgestrahlt im Programm SWR 4 Baden-Württemberg, ein Gigant der deutschen Philosophie präsentiert, der sich letztlich „in überschäumender Biederkeit“ darstellt, wobei das Großartige, das Gewaltige ganz nah am Gemütlichen sich inkarniert hat.

Der spitzbübische Charme, den bereits die Vorlage ausstrahlt, ist in der SWR-Produktion – ohne Schulfunk zu sein – auf angenehme Weise erhalten. Und Regisseurin Nicole Paulsen verstand es wunderbar, das glucksende, Rotwein schlürfende, rülpsende und alkoholisierte Genie mit geschliffenen Sentenzen und Aperçus in Szene zu setzen, etwa wenn Hegel äußert: „Der Geist des Weines ist schuld, jener allererste enthusiasmierende Beweger, der mein Leben angeschoben hat, ein unsichtbarer, unermüdlicher Brandbeschleuniger des Wissens, nichts hielt ihm stand.“

Hans Löw in der Rolle des philosophischen Gipfelstürmers oder auch als vermittelnder Erzähler verdient besonderes Lob, da er die Stunde des Philosophen weder in schwäbischer Tümelei noch in der Abstraktion hochdeutscher Lautung versinken ließ. Es entstand eine genussvolle und dabei durchaus anspruchsvolle Radiostunde auf dem Mundarthörspiel-Sendeplatz von SWR 4 Baden-Württemberg, der normalerweise eher dem Krachledernen oder den musikalischen Spaßnudeln verpflichtet ist.

18.09.2020 – Christian Hörburger/MK

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