Ulrike Müller: Die Don Quijotinnen oder Was kostet die Kindheit? (RBB Kultur)

Der vergebliche Kampf gegen die Fliehkräfte

13.08.2021 •

Die Schauspielerin und Regisseurin Ulrike Müller, geboren 1981 in Cottbus, tritt seit einigen Jahren auch als Hörspielautorin in Erscheinung. Ihr erstes Stück war die Theateradaption „Das Projekt bin ich“ (RBB 2014) über berufliche und private Selbstoptimierung. Es wurde 2015 mit dem ‘Deutschen Hörspielpreis der ARD’ ausgezeichnet. Das Preisträgerstück war gleichzeitig der erste Teil von Müllers Trilogie „Soziale Realitäten“, die mit dem Gentrifizierungs-Hörspiel „Lieber Nicolas Berggruen“ (RBB 2017) fortgesetzt wurde und nun mit der RBB-Neuproduktion „Die Don Quijotinnen oder Was kostet die Kindheit?“ zum Abschluss kommt.

Wie für Ulrike Müllers Arbeiten typisch ist auch „Die Don Quijotinnen“ ein Hörspiel mit dokumentarischem Ansatz. Es basiert unter anderem auf Interviews mit alleinerziehenden Müttern und auf weiteren Recherchen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Müller lässt allerdings nicht nur die so entstandenen O-Töne von Schauspielerinnen einsprechen, sondern gibt ihrem Stück einen fiktionalen Rahmen. Die musikalische Begleitung besorgen am Piano Ayako Matuschka und ein kleiner Kinderchor.

Die drei Protagonistinnen Frau E., Frau S. und Frau P. müssen sich in diesem Hörspiel vor Gericht dafür verantworten, dass sie als alleinerziehende Mütter volkswirtschaftlich betrachtet zu wenig zur Produktivität beitragen und mit ihren mehr oder weniger prekären Arbeitsverhältnissen ein zu geringes Einkommen erzielen, um ihren Kindern ein sogenanntes sorgloses Leben zu ermöglichen. Gefährdung von Gemein- und Kindeswohl durch den Umstand, alleinerziehend zu sein, lautet also der Vorwurf.

Im Prozess, der sich als surreal-traumhaftes Ereignis darstellt, lässt sich eine Allegorie sehen, in der der Richter die anklagende Haltung der Gesellschaft verkörpert. Ihm schildern die drei Frauen ihre Lebenswege, erklären, wie es dazu kam, dass sie ihre Kinder ohne Partner großziehen wollen oder müssen, und rechtfertigen, was eigentlich keiner Rechtfertigung bedarf. Für ihren geringen sozioökonomischen Status machen sie den hohen Anteil an unbezahlter Pflege- und Sorgearbeit kausal verantwortlich. Doch der Richter lässt diesen Einwand nicht gelten, fragt zunächst, was denn „Care-Arbeit“ sei, er kenne nur die „Kehrwoche“. Dann beendet er die kurze Diskussion mit der indirekten Feststellung, der Lohn für Pflege- und Sorgetätigkeit liege in der liebevollen Arbeit selbst – die Bezahlung ist demnach ‘Quality Time’ mit den Kindern.

Damit ist auch schon der gesellschaftliche Widerspruch benannt, den Ulrike Müller in ihrem rund 60-minütigen Hörspiel anprangert: Von Frauen wird meistens erwartet, dass sie sich freiwillig und aufopfernd um ihre Kinder kümmern; die in der Folge fehlenden Geldmittel (zumal bei Alleinerziehenden) sind aber deren eigenes Problem und werden ihnen sogar zum Vorwurf gemacht. So erklärt sich die im Untertitel gestellte Frage „Was kostet die Kindheit?“.

Eine aktivistische Komponente lässt sich bei dem Stück nicht abstreiten, es ist jedoch in erster Linie eine gelungene Satire, die ihre komischen Momente vor allem in den Unterbrechungen findet. Etwa in den stressvollen Traumsequenzen, von denen die Mütter verfolgt werden und in denen der sprech­singende Kinderchor leise, aber eindringlich skandiert „Wir brauchen Liebe, wir brauchen Zeit“ oder auch „Wir wollen keine gebrauchten Schuhe“. Auch die Fertigstellung eines erfolgreichen „Lebenspuzzles“, das die drei Angeklagten aus ihren Lebensläufen kombinieren sollen, und bei dessen Vervollständigung der Richter einen Freispruch in Aussicht stellt, ist eine solche komische Unterbrechung. Es gibt noch zahlreiche mehr, hervorragend umgesetzt von den mitwirkenden Akteuren (Franziska Kleinert, Martina Hesse, Claudia Lietz, Alexander Schröder, Jean-Luc Caputo und Annedore Bauer).

Was aber ist mit dem Haupttitel „Die Don Quijotinnen“, wie erklärt er sich? Dass er sich auf die alleinerziehenden Mutterfiguren des Stücks bezieht, ist einleuchtend. Doch gegen fiktive Gegner, gegen als Riesen halluzinierte Windmühlen, wie man sie beim „Ritter von der traurigen Gestalt“ des Miguel de Cervantes findet, kämpfen die Frauen ja nicht; vielmehr sind es ganz handfeste Probleme des Budgets und der Organisation des Alltags. Auf einer abstrakten Ebene kämpfen sie vielleicht auch gegen die Ignoranz der Gesellschaft, die jedoch genauso eine reale Erscheinung ist.

Gegen Ende des Hörspiels dann beschreibt eine der Frauen das alptraumhafte Bild eines Windrades, auf dessen sich immer schneller drehenden Flügeln sie und ihre Kinder sitzen. Die Mütter sehen ihre ‘Widersacher’ illusionsfrei als Windräder, haben also einen klaren Kopf. Was von Cervantes’ Bild bei Müllers Don Quijotinnen erhalten bleibt, ist die Vergeblichkeit des Kampfs. Der Kampf ist nunmehr ein passives Ankämpfen gegen Fliehkräfte eines festgefahrenen Systems, das Bild lässt sich so auf die sprichwörtliche ‘Mühle des Alltags’ übertragen, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Das schon mit einem Schuldspruch der Mütter (bei unklarem Strafmaß) zu enden scheinende Hörspiel hält dann aber als Happy End eine (fiktive) RBB-Eilmeldung bereit, dass der Bundestag soeben ein Gesetz zum bedingungslosen Grundeinkommen für Kinder und junge Erwachsene verabschiedet habe, das künftig „allen Kindern ein finanziell abgesichertes Heranwachsen ermöglichen“ solle.

Fazit: „Die Don Quijotinnen oder Was kostet die Kindheit?“ ist ein mit viel Witz und mit Freude an Spontaneität und Improvisation gemachtes gesellschaftskritisches Hörspiel, das sich wirklich zu hören lohnt. (Das Stück ist im Online-Angebot des RBB weiterhin abrufbar.)

13.08.2021 – Rafik Will/MK

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