Ulrike Janssen/Marc Matter: Meerschallschwamm und Schweigefang (Deutschlandfunk Kultur)

In Code onduliert

10.12.2018 •

Zur Geschichte der Medien gehört immer auch die Geschichte der Apparate, mit denen sie produziert werden. So gehören zur Geschichte des Radios stets auch die Aufzeichnungsmedien: von den Phonographenwalzen über die Wachs- oder Schellackplatten bis hin zu den Magnetbändern und digitalen Speichermedien. Die Hörspiel- und Feature-Autorin Ulrike Janssen und der Klangkünstler Marc Matter, betreiben in ihrem Stück „Meerschallschwamm und Schweigefang“ eine fiktive Geschichtsschreibung der Schall­aufzeichnung anhand nicht weniger fiktiver Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräte. Bei dem Stück handelt es sich aber nicht um ein gefaketes Feature, sondern um ein Werk für den Klangkunstsendeplatz von Deutschlandfunk Kultur – auch wenn dafür sehr viel Sprache „in Code onduliert“ worden ist.

Die „Schallgewunder“ die von verschiedenen „Verschollmaschinen“ aufgezeichnet wurden, werden – so die erzählerische Rahmung – von einem nicht immer fehlerfrei funktionierenden Audioguide eines zerstörten Museums, dem „Schallaufzeichnungsaufbewahr“, vermittelt. Ulrike Janssen, Trägerin der Karl-Sczuka-Förderpreises, und Marc Matter, als Mitbegründer des „Instituts für Feinmotorik“ ebenfalls Sczuka-Preisträger, haben sich für ihr Stück eine eigene Sprache ausgedacht, die weitgehend auf Endsilben verzichtet und deren Grammatik über gewisse Eigenheiten verfügt.

Was man dabei über das in „Ton und Kling und Sprech“ fixierte „terrestrisch Wissen“ erfährt, ist von hohem Reiz. Denn während man sich bemüht, den sprachlichen Verrenkungen des Audioguides zu folgen, wird die Funktionsweise beispielsweise eines „Türsprechbambusspitz“ erklärt. Der besteht aus einer Bambusspitze, die wie eine Schallplattennadel durch eine Rille fährt und das Türblatt als Lautsprecher benutzt. So ergibt sich bei jedem Öffnen und Schließen einer Tür ein spezieller Sound, mal vorwärts, mal rückwärts abgespielt. Für den Hörer ergibt sich ein doppelter Lustgewinn: Man hat erstens erfolgreich die Sprache des Audioguides dekodiert und zweitens die Funktionsweise des Schallaufzeichnungs- und Wiedergabegeräts verstanden. Obendrein gibt es dann noch ein „Beispielhör“ des so erzeugten Sounds, der die durch die Beschreibungen der Apparatur erzeugten Erwartungen erfüllt oder enttäuscht. Eben diese Brechung ist eines der Kennzeichen des Komischen, das in diesem Stück den lust- und humorvollen Umgang mit dem Material ausmacht und den oft schwer konzeptuellen Klangkunstdiskursen eine große Leichtigkeit verleiht.

Kaum zu überschätzen ist dabei die Leistung der Schauspielerin Susanne Reuter, die sich in der Rolle der Stimme des Audioguides den Herausforderungen der Kunstsprache gestellt hat. Nicht alle der vorgestellten Apparate sind so einfach wie der „Türsprechbambusspitz“. Für den „Schallwellknot“ braucht man beispielweise eine „Schallrückwickelkurbel“ und einen „Phonseparator“, um die aufgezeichneten Töne wiederherzustellen. Dass Schallereignisse auch eingefroren werden können, hatte schon François Rabelais im 16. Jahrhundert in seinem Werk „Gargantua und Pantagruel“ beschrieben, Janssen und Matter haben dafür einen „Schallfrierapparat“ erfunden. Wozu die ganzen Vorrichtungen dienen? Als „bewunderswert Erinnerhelf und zu Nutz für Spiel und Spionier“. Manchmal ist man sich aber über den Sinn und Zweck auch nicht sicher. Zum „Kopfkryptographen“ heißt es lapidar: „Nutz unklar“.

Beim Hörspiel „Meerschallschwamm und Schweigefang“ handelt sich aber nicht nur um eine anekdotische Aneinanderreihung von skurrilen Apparaturen (zu denen auch die im Titel genannten gehören), sondern um eine Klangkunstkomposition, die eine Vielfalt an Techniken der digitalen Klangmanipulation versammelt. Man erlebt deren Funktionsweise beispielsweise mit dem „Sprechklingemulgator“ auch selbstreflexiv und selbstreferentiell, sozusagen im Vollzug: Der Apparat verrührt in einem „Röhrgefäß“ Sprache und Klänge, pardon: „Sprech und Kling“, zu einer Emulsion. Wie in einer Zeichnung des holländischen Grafikers M.C. Escher springt bei alldem die Wahrnehmung immer wieder zwischen Vorder- oder Hintergrund hin und her und man kann sich nie ganz sicher sein, ob man sich auf akustischer Ebene nicht in einer jener unmöglichen geometrischen Strukturen à la Escher verfangen hat. Am Ende des knapp 45-minütigen Hörspiels wird aus dem Essay „Der Lärm“ von Theodor Lessing zitiert: „Wenn man einem Geräusche glücklich entkommen ist, gerät man mit Sicherheit in das andere hinein.“ So gerne hat man sich selten in einem Klangkunstwerk verlaufen.

10.12.2018 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 12/2019

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