Ulrike Haage/Nora Gomringer: Lockbuch. Eine Radionovelle von der Liebe und vom Verlassen‑Werden (NDR Kultur)

Melancholie und Heiterkeit

17.06.2016 •

„Ich schreib jetzt nicht mehr, ich ruhe mich jetzt auf meinen Lorbeeren aus. Es ist zwar ein dünnes Lager, aber es muss reichen“, sagt die 93-jährige Annemarie Bostroem im Gespräch mit Ulrike Haage mit Heiterkeit in der Stimme. Am 9. September 2015, kurz vor der Produktion des Hörspiels „Lockbuch“, ist die Schriftstellerin gestorben. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ widmete ihr einen (Nicht-)Nachruf, der hauptsächlich von ihrem vor über 50 Jahren verstorbenen Ehemann Friedrich Eisenlohr handelte, dem sie ihren Gedichtzyklus „Terzinen des Herzens“ gewidmet hatte.

1946 sind diese Gedichte erstmals in der „Täglichen Rundschau“ erschienen. 1947 wurden sie in Buchform gedruckt, es gab einen Literaturpreis dafür und die Gedichte und Nachdichtungen Annemarie Bostroems sind im Lauf der Jahrzehnte immer mal wieder neu aufgelegt worden, zuletzt 2012 zum 90. Geburtstag der Autorin mit einen Nachwort von Nora Gomringer. Zusammen mit Texten aus Gomringers bibliophilen Edition „Lockbuch. Kleine Novelle vom Verlassen und Werden in Bildern, Zeichen und Wunden“ hat die Komponistin, Pianistin und Hörspielautorin Ulrike Haage daraus eine 45-minütige „Radionovelle von der Liebe und vom Verlassen-Werden“ gemacht (produziert vom NDR in Kooperation mit dem Deutschlandfunk).

Die Gattungsbezeichnung Novelle sollte man hier vielleicht nicht ganz so ernst nehmen, denn es handelt sich im Wesentlichen um einen lyrischen Dialog über zwei Generationen hinweg. „In der Liebe hat sich seit 1947 nicht vieles verändert. Vielleicht sind ein paar ihrer Anbahnungswege elektronischer geworden“, sagt Nora Gomringer im Hörspiel. Und dass „wir uns nicht ständig ironisch zur Liebe verhalten können“, sagt sie in dem von der Dramaturgin und NDR-Radiokunstchefin Ulrike Toma erstellten, sehr gelungenen Making-of-Video zum Hörspiel.

Nach der heiteren Einleitung mit den O-Tönen von Annemarie Bostroem wird die Tonalität des Hörspiels eher melancholisch. Ulrike Haage am Flügel und an der Hammond-Melodica gelingen musikalische Themen mit Ohrwurmqualität. Ihre Vertonungen von vier der insgesamt 39 Terzinen für die Mezzosopranistin Christa Diwiak und den Bariton Christfried Biebrach rollen wegen ihres Reimschemas a b a, b c b, c d c, d e d, f vorwärts wie ein Kettenfahrzeug.

In den Rezitationen des Schauspielers David Bennents fällt die Reimstruktur weniger auf, was der Homogenität des Stücks zugute kommt, denn die Texte von Nora Gomringer, Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin und Tochter von Eugen Gomringer, des Erfinders der Konkreten Poesie, reimen sich nicht. Manchmal zerfallen sie gar, wie in dem Gedicht „Serielle Ordnung“. Dort zerlegt Gomringer, die ihre Texte selbst spricht, die Wörter „Sortieren, Aufrichten und Prüfen“ in ihre buchstäblichen Bestandteile. Doch auch das hilft nicht gegen die Liebe, jenes „unaufgeräumte Gefühl“. Denn, so Gomringer, „was die Liebe mit uns tut, das ist willkürlich bzw. nur nach den Regeln der Liebe zu erleiden, und die sind uns in ihrer Logik vorenthalten, gar verborgen.“

Dem Ästhetik-Professor Bazon Brock zufolge, der im Jahr 2000 selbst auch ein „Lockbuch“ verfasst hat, ist man besonders in der Arbeitswelt „geradezu biographiepflichtig“. Bei jeder Bewerbung entwickelt man das Logbuch seiner Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft – das Logbuch wird ein Lockbuch. Die musikalische Ausformung von Ulrike Haage, die vom klassischen Gesang bis zu jazzigen Rhythmen reicht (mit Philipp Scholz am Schlagzeug), vollzieht ebendiese doppelte Zeitstruktur nach. Vom melancholischen Rückblick auf ein großes Verlassen-Werden und das Überlebt-Haben des Beziehungsendes bis hin zur Erwartung aktiver wie passiver Verlockungen.

Gibt es in den „Terzinen des Herzens“ von Annemarie Bostroem nach der Verliebtheit und Trennung ein Happy End des Wiederzusammenkommens, so enden die Texte Nora Gomringers und das in fünf Teile gegliederte Hörspiel mit einem Aufbruch ins Neue. Denn urplötzlich wird das lyrische Ich des „Verwehens Deiner Form und Deines Inhalts“ gewahr. Das Stück endet dann doch einigermaßen ironisch, indem das Beziehungsende mit der Geschäftsaufgabe eines Biometzgers verglichen wird. In dessen Schaufenster hängt ein Schild mit den Floskeln: „Wir sagen DANKE für: Ihr Vertrauen, Ihre Treue – die Sie uns in all den Jahren entgegengebracht haben.“ Für das lyrische Ich wird daraufhin alles zu einem „Gemengsel und Gehäcksel“ – was im Mund der Autorin performativ zu einem Brei aus Vokalen und Konsonanten durchgedreht wird. Nicht das schlechteste Ende.

17.06.2016 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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