Ulrich Hub: Ein Känguru wie Du. Kinderhörspiel (MDR Figaro) 

Explizit moralisch

„Ein Känguru wie Du“ ist erstaunlicherweise erst das dritte Kinderhörspiel des Theaterautors und Regisseurs Ulrich Hub. Mit seinem Stück „An der Arche um Acht“, einer Geschichte zweier Pinguine, die ihren Freund mit auf die Arche schmuggeln, damit auch er der Sintflut entgeht, gewann Ulrich Hub so ziemlich jeden Preis, den es zu gewinnen gab (vgl. FK 45/06). Im Jahr 2008 folgte Hubs Lessing-Variation „Nathans Kinder“, eine Studie über christlichen und muslimischen Antisemitismus, die sich bemüht, in letzter Minute doch noch zu einem positiven Verständnis von Religion zu finden.

Die 57-minütige Hörspielversion von Hubs Theaterstück „Ein Känguru wie Du“ – eine Koproduktion des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR; federführend) mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) – hat keine religiösen Bezüge, dafür sind wieder Tiere die Hauptakteure. Der kleine schwarze Panther Lucky (Mirco Kreibich) und der kleine weiße Tiger Pascha (Christopher Heisler) werden von ihrem Trainer (Peter Jordan) für ihren ersten Zirkusauftritt gedrillt, bei dem sie unbedingt den Preis der Prinzessin gewinnen wollen. Doch der Trainer scheint einige Macken zu haben. Sein Motivationstalent ist unterentwickelt, er hat schreckliches Lampenfieber in der Manege, zieht sich komisch an und ist immer von einer Wolke Maiglöckchenparfüm umgeben.

Außerdem ist der Trainer weder verheiratet noch Single, was bei den kleinen Raubkatzen einen schrecklichen Verdacht nährt: Ihr Trainer ist schwul. Sie wissen nicht so genau, was das bedeutet, aber auf jeden Fall nichts Gutes. Also hauen sie lieber erst einmal ab und treffen auf Django, ein boxendes Känguru (Michael Klammer) – ein ziemlich cooler Typ, der auch noch ein cooler Typ bleibt, als ihm herausrutscht, dass er schwul ist. Pascha und Lucky, pragmatisch wie Kinder sind, beschließen, Django mit ihrem Trainer zu verkuppeln, weil sie nichts lieber wollen als eine Familie. Artenspezifische Unterschiede spielen dabei offensichtlich keine Rolle. Doch der Verkupplungsversuch geht gründlich schief. Denn der Trainer entpuppt sich als homophobes Weichei. Beim großen Auftritt steht er starr vor Lampenfieber in der Manege und wenn ihn Django nicht durch den brennenden Reifen gejagt hätte, wäre das Desaster komplett gewesen. Doch so gewinnt das Trio den Preis der Prinzessin, die entgegen dem Klischee keine liebreizende Jungfrau mit goldenen Haaren ist, sondern ein altes Frauchen (mit dicker Brille und geblümter Handtasche, gespielt von der großartigen Irm Hermann). Schon als Kind hatte die Prinzessin sich bei den immergleichen stumpfsinnigen Dressurnummern gelangweilt, bis ihr Tiger, Panther und Känguru vorgeführt haben, dass es auch anders geht.

Was Ulrich Hubs Stücke für Kinder wie für Erwachsene interessant macht, sind die witzigen Aperçus und Nebenkonflikte. „Ein Känguru wie Du“ ist aber eher auf das junge Publikum ausgerichtet. Zum einen liegt das am didaktischen Anspruch, denn je eindeutiger die Botschaft des Stücks und seine Moral explizit ausgesprochen werden müssen (Homosexualität ist weder eine Frage der Wahl noch eine Krankheit noch der Grund für Diskriminierungen), umso schwächer ist sie in der Erzählstruktur oder in der Charakterzeichnung der Figuren vorhanden. Und eben in der Figur des Tiertrainers, dem der Autor nicht einmal einen Namen gegönnt hat, zeigt sich die größte Schwäche des Stücks. Denn der ist überhaupt keine richtige Figur, sondern nur ein Bündel von Ressentiments, ein autoritärer Charakter, der gleichzeitig eine selbstmitleidige Heulsuse ist, kurz, ein Pappkamerad, den man getrost der Lächerlichkeit preisgeben darf. Hub hat hier ein misstönendes Register gezogen, weil einem klischeehaften Abziehbild in Gestalt der Tiere echte entwicklungsfähige Charaktere gegenüberstehen.

Was auf der Theaterbühne wahrscheinlich besser funktioniert als in der Hörspielfassung von Regisseur Steffen Moratz ist die Körperkomik, nämlich die slapstickhaften Momente, wenn menschliche Schauspieler auf der Theaterbühne eher banale Tierkunststückchen vorführen. Außer einem beschreibend-kommentierenden Text ist dafür im Hörspiel keine überzeugende akustische Form gefunden worden, wiewohl die Bläsersätze der Komposition von Gundolf Nandico sich wohltuend von der sonst so oft zu Tode zitierten Zirkusmusik abgehoben haben.

„Ein Känguru wie Du“ ist das letzte Kinderhörspiel, das der Mitteldeutsche Rundfunk produziert hat. Bis zum Ende des Jahres gibt es im MDR-Hörfunk noch Wiederholungen und Übernahmen von Kinderhörspielen anderer ARD-Sender. Ab 2016 ist ganz Schluss. Der Kinderhörspieltermin wird laut MDR-Beschluss ebenso gestrichen wie die Kindersendungen unter dem Label „Figarino“.

24.07.2015 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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