Torben Kuhlmann: Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus (HR 2 Kultur)

Die Sendung mit der Pastewka-Maus

13.11.2015 •

Torben Kuhlmann, geboren 1982, war nach eigenem Bekennen schon seit Schulzeiten immer als „der Zeichner“ bekannt. Kleine Flugzeuge, kuriose Maschinen und dampfende Eisenbahnen zierten schon damals seine Arbeitshefte, so ist es nachzulesen. Im Jahre 2005 begann er in Hamburg ein Studium für Illustration und Kommunikationsdesign. Mit dem Bilderbuch „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“ erlangte er 2012 das Diplom. Parallel arbeitete er als freiberuflicher Illustrator, maßgeblich auch für eine Werbeagentur. „Lindbergh“ erschien im Januar 2014 im Nord-Süd-Verlag und liegt mittlerweile auch in einer US-Version vor.

So ein Bilderbuch, empfohlen bereits für Fünfjährige, muss natürlich zuerst einmal die Käufer überzeugen, die Erwachsenen. Das gelingt dieser Graphic Novel mühelos, weil die Zeichnungen durchweg von hübschen Einfällen, detailversessener Kleinarbeit, handwerklichem Können und einem liebevollen Umgang mit Personen und Gegenständen zeugen. Dass der Text dabei ein bisschen zu kurz kommt, wurde bei Lesern und Rezensenten zwar hier und da angemerkt, vermochte aber den grandiosen Gesamteindruck kaum zu trüben. Wie heißt es doch so schön: „Bilder sagen mehr als viele Worte.“

Nun wurde im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR) – mit CD-Weiterverwertung durch den Münchner Hörverlag – von Gudrun Hartmann eine szenische Lesung erarbeitet. Regie führte Marlene Breuer. Als Darsteller und Zugpferd wurde Bastian Pastewka gewonnen, der mit seinen jüngsten Ausflügen ins Hörspielmetier, der Sherlock-Holmes-­Adaption „Der Hund der Baskervilles“ (vgl. FK-Heft Nr. 4/14) und vor allem der Paul-Temple-Version „Der Fall Gregory“ (vgl. FK-Heft Nr. 46/14) vielbeachtete Erfolge feierte.

Szenische Lesung meint im Fall von „Lindbergh“: Pastewka spricht alle Rollen, insbesondere den Erzähler, die Maus und den Zeichner. Die drei mimt er jeweils so charakteristisch, dass eine Verwechslung ausgeschlossen ist. Dabei fallen die Protagonisten immer wieder aus ihren Rollen und diskutieren untereinander die Ausgestaltung der Geschichte. Die Erzeugung einer solchen Meta-Ebene, die den Hörer immer wieder an die Kunstform erinnert und dadurch eine gewisse Distanz zur Handlung schafft, war eine Art Markenzeichen der oben genannten Pastewka-Produktionen. Man kennt das auch von dem schrägen Winnetou-Spektakel „Ja uff erstmal“, das im Jahr 2000 im Auftrag des WDR von zahlreichen damaligen Comedy-Größen, darunter auch Pastewka, sehr lebendig umgesetzt wurde. Über den Stellenwert dieser Kultproduktion als Inspirationsquelle für Pastewkas Hörspielschaffen darf spekuliert werden.

Der Zeichner (als Protagonist) erledigt in der „Lindbergh“-Lesung nicht nur seinen Job (hörbar durch Kritzel- und Malgeräusche), sondern beschreibt auch, was er tut. Grundzüge der Bilder und der Bildentwicklung werden dem Hörer also akustisch vermittelt. Die bereits skizzierte Meta-Ebene gewinnt dadurch noch mehr an Bedeutung, was zu einer deutlichen Intellektualisierung der Geschichte führt. Bildungsbürgern, die ja maßgeblich die Zielgruppe des öffentlich-rechtlichen (Kinder-)Hörspielprogramms bilden, kann man das sicherlich zumuten. Ob Kinder damit so viel anfangen können, darf zumindest in Frage gestellt werden. Auf alle Fälle werden sie – und das bereits zu Beginn, bis die Handlung Fahrt aufnimmt – auf eine Geduldsprobe gestellt, die sie erst einmal bestehen müssen.

Weiterhin gibt es einige Ungereimtheiten, die auch Kindern nicht verborgen bleiben. Nein, es geht hier (etwa was das Fliegen angeht) nicht um die kreativen Überlistungen der physikalischen Gegebenheiten, die sind bewundernswert. Dass dagegen die Erfindung der Mausefalle ganz Hamburg von einem Tag auf den anderen von sämtlichen Nagern befreit haben soll, ist selbst für Vorschulkinder harter Tobak. Vor allem aber dass die komplette verzweigte Familie unserer Pastewka-Maus ohne Vorbereitung schlagartig verschwindet und nach Amerika auswandert, ohne unserem ahnungslosen Helden, der dann aber dort hinfliegen will, wenig­stens eine kurze Nachricht zu hinterlassen – wohlgemerkt, das betrifft auch seine Mutter, die sich ebenso plötzlich aus dem Staub gemacht hat! –, das ist schon stark.

Bei der Umsetzung vom Bilderbuch zum Kinderhörspiel hat sich also die Zielgruppe geändert. Erwachsene, die ja bei den öffentlich-rechtlichen Kulturradioprogrammen seit jeher als Zuhörer von Kinderhörspielen mit angesprochen werden, sind mit dieser Produktion sehr gut bedient. Für Kinder wäre es zumindest vorteilhaft, das Buch zu kennen.

13.11.2015 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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