Tom Peuckert: Das Leben des H. erzählt von seinem Kunsthändler (RBB Kulturradio)

Hervorragend gestalteter Monolog

21.01.2019 •

Dass ausgerechnet im rein akustischen Medium Hörspiel eine künstlerische Technik angewendet wird, die man nur der Malerei zugeordnet glaubte, ist eine positive Überraschung. Und das ist schon mal gut, denn solche Überraschungen sind in diesem Metier mit der zunehmend expandierenden Verhackstückung von Hörspielen eher selten geworden. Die Rede ist von Trompe-l’œil, einer illusionistischen Malweise, mit der vor allem illusorische Architektur an Fassaden aufgetragen oder ein scheinbarer Ausblick auf imaginierte Landschaften entworfen wurde, wie etwa in der Renaissance bei Mantegna und Veronese.

Auf Literatur übertragen, ermöglicht diese Technik dem Theater- und Hörspielautor Tom Peuckert, ein Narrativ anzuwenden, das nie Geschehenes als Realität erscheinen lässt: Peuckert lässt in seinem 52‑minütigen Hörstück einen – imaginierten – Kunsthändler zum Partner und Chronisten einer realen Figur werden, die jedoch ihrerseits deutlich imaginäre Züge trägt. Die Rede ist von Adolf Hitler, von dem man gesichert weiß, dass er Maler werden wollte, aber an der Wiener Akademie der Bildenden Künste schon für die Probezeit (1908) nicht zugelassen wurde – eine tiefe Demütigung für ihn, aus der sich manche späteren Wesenszüge ableiten lassen.

So sieht es auch der fiktive Kunsthändler, der ohne Namen bleibt. Mit schnellem, sicherem Blick erkennt er die Fähigkeit des seltsam verbissen agierenden, verhinderten Malers, große Meister zu kopieren. Diese Kopien, zu einem unauffällig geringeren Preis als die Originale angeboten, finden reißenden Absatz. Das furiose Arbeitstempo des Kopisten führt dazu, dass der Kunsthändler – angeblich für sie beide – ein hübsches Vermögen anhäuft. Das jedoch geht an der Realität vorbei, denn meist häufen Kunsthändler zwar Vermögen für sich an, aber nur die weitaus kleinere Hälfte bleibt dem Maler. Der Kunsthändler könnte dem dubiosen Dr. Hildebrand Gurlitt nachempfunden sein, den ein Sonderbeauftragter Adolf Hitlers 1943 zum Haupteinkäufer für das „Hitler-Museum“ in Linz berufen hatte. Gurlitt oblag die Organisation des nationalsozialistischen Kunstraubs vorwiegend in Frankreich. Kultiviert und liebenswürdig soll er gewesen sein – ganz wie Peuckerts namenloser Kunsthändler. Und so geschah es im Übrigen, dass Gurlitt bereits ab 1948 wieder zum Leiter des „Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen“ bestallt wurde.

In den Verspiegelungen, die Peuckert in Beibehaltung der erzählerischen Blickrichtung dem Hörer anbietet, zeigen sich die Eroberungsfeldzüge Hitlers ebenso wie der rapide Aufbau seiner Tötungsmaschinerie. Das ist einerseits ein geschickter erzählerischer Kunstgriff, andererseits ist die Gefahr der Verharmlosung nicht fern. Die Gleichsetzung von malerischem Furor und geplantem Genozid ist äußerst gewagt. Ein unauflösbarer dramatischer Konflikt des Stoffes, auch wenn der Autor seine Perspektive als komödiantisch verstanden wissen will. Diese Äußerung war allerdings ein Kommentar des Autors zu seinem frühen Theaterstück „Artaud erinnert sich an Hitler und das Romanische Café“, das bereits im Oktober 2000 im Berliner „Theater Schiffbauer Damm“ uraufgeführt wurde. Antonin Artaud, 1896 in Marseille geboren, gilt als Begründer des „Theaters der Grausamkeit“. In diesem Stück Peuckerts, unverkennbar ein Vorläufer des nun von Wolfgang Rindfleisch inszenierten Hörspiels, begegnet der französische Dramatiker 1923 Adolf Hitler in Berlin. Artaud, der die Welt mit seinem Theater in Brand setzen wollte, imaginiert Hitler als verhinderten Künstler, der Europa nahezu ganz und gar auslöschen würde.

Hitler und Artaud, das ist eine fiktive Begegnung – und auch wieder nicht, denn Artaud war, wenn auch zehn Jahre früher, tatsächlich zu Dreharbeiten in Berlin gewesen. Dennoch: Die dramatische Komposition beider Stücke ist sehr ähnlich. Aber „Das Leben des H. erzählt von seinem Kunsthändler“ ist mehr als eine Kopie. Mit dem Begriff der Halluzination als Dreh- und Angelpunkt der fiktiv-dokumentarischen Grundkonstellation erschafft der Autor eine ganz besondere Eigenständigkeit, in der man eine Art Zwillingsphänomen erkennen könnte: täuschend ähnlich und doch nicht gleich.

Im Übrigen gab es in der Geschichte des europäischen Hörspiels eine Phase, in der die Technik einer imaginierten Realität zum Prinzip einer über viele Jahre erfolgreichen Sendereihe wurde. Die Rede ist von der Reihe „Interviste Impossibli“ des italienischen Rundfunks RAI. Für diese imaginierten Interviews mit historischen Personen konnten Stars der literarischen Szene gewonnen werden. Andrea Camilleri etwa näherte sich dem Stauferkaiser Friedrich II., Umberto Eco dem Mathematiker und Philosophen Pythagoras sowie dem Kriegsherrn Mucius Scaevola, der Rom vor der Belagerung des Etruskerkönigs Laris Porsenna gerettet haben soll.

Nun ja, es gibt nichts Neues unter der Sonne – soll man schon am Hofe des Königs Salomo gewusst haben. Künstler fühlen in sich den kreativen Drang, dies zu widerlegen. Und manchmal gelingt es, zumindest ansatzweise. So auch in diesem für das Kulturradio des RBB produzierten Hörstück, einem von Gerd Wameling sprecherisch hervorragend gestalteten Monolog.

21.01.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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