Tom McCarthy: Satin Island (HR 2 Kultur)

Künstlerisch eigenständig

04.03.2019 •

Fallschirmspringer werden heimtückisch ermordet. Eine Unternehmensberatung hilft einer Datenkrake bei einem mysteriösen Projekt. Und eine große Polizeiaktion entpuppt sich rückblickend als Maßnahme zur Rekrutierung von Testpersonal für Menschenversuche. Das klingt erst einmal so, als wäre die nach dem gleichnamigen Roman des britischen Schriftstellers Tom McCarthy entstandene HR-Produktion „Satin Island“ ein spannendes Hörspiel. Und das stimmt auch. Aber ein herkömmlicher Spannungsbogen kommt in dem Stück nicht zum Einsatz.

Denn „Satin Island“ (Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Melle) hat den Charakter eines tagebuchartigen Berichts – der sich freilich direkt an die Hörerschaft wendet. Über die genannten Ereignisse wird auf diese Weise lediglich nachgedacht oder gesprochen, mitunter entpuppen sie sich auch als fixe Ideen des Protagonisten. Der trägt den simplen Namen U. (englisch ausgesprochen: You) und ist ein ziemlich verlorenes Individuum, das sich von einer Obsession in die nächste stürzt. U. (Sprecher: Christoph Luser) arbeitet als Anthropologe für die Unternehmensberatung. Von seinem Chef Peyman (Ulrich Gebauer) wurde er dort angestellt, um dessen eigene Firma zu analysieren und für den Kampf um Kunden in der Welt des freien Marktes geisteswissenschaftlich zu wappnen.

Vielmehr, als dass Peyman einen ominösen „großen Bericht“ bekommen will, weiß auch U. über seine Arbeit und ihr Ziel nicht. Und so betreibt er aufs Geratewohl assoziative Gesellschaftsbetrachtung. Unter anderem meint er, das Treiben einer Geheimgesellschaft von Fallschirmspringern durchschaut zu haben, die Ausrüstung sabotiert, um den Nervenkitzel zu steigern. Allerdings verliert sich U. nicht vollends in Wahnvorstellungen. Die Totalüberwachung und vielfache Datenerhebung, die zu gewaltigen Archiven führt, bringt ihn auf eine veritable Idee: Auf die Echtzeiterfassung von Daten müsse man auch mit einer „Präsensanthropologie“ reagieren. Mit diesem Konzept beeindruckt er Chef und Kollegen.

Omnipräsente Überwachung spielt auch eine Rolle bei einem Großprojekt das U.s Firma an Land gezogen hat, das aber wohl aus Verschwiegenheitsgründen von U. nicht näher beleuchtet wird. Gleichwohl wächst sein Unbehagen an dem „Koob-Sassen-Projekt“, so der Name, sein rebellisches Potenzial zur Sabotage und so hängt U. eine Fotografie der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof als Pin-up-Poster auf. Wegen seiner „süßen“ Gewaltphantasien, die „Präsensanthropologie“ in eine bewaffnete Widerstandsbewegung umwandeln zu wollen, wird U. von seiner Freundin Madison (Birte Schnöink) aufgezogen.

Madison erzählt ihm dafür eine Story von den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001, an denen sie teilgenommen hatte. Nach der Festnahme dort sei sie für ein seltsames maschinengekoppeltes performatives Experiment ausgewählt worden – wie das „Koob-Sassen-Projekt“ umgibt auch diesen Menschenversuch ein geheimnisvoller Schleier, der nicht gelüftet wird. Insgesamt passiert in dem 76-minütigen Hörspiel „Satin Island“ auf der Handlungsebene tatsächlich wenig. Auf dem Höhepunkt der Handlung entscheidet sich U. dagegen, eine Fähre nach Staten Island zu betreten, und somit auch dagegen, der geträumten titelgebenden Insel mit ähnlichem Namen nachzujagen.

An dem Hörspiel beeindruckt aber gerade, wie es mit dem Mangel an Handlung umgeht. Überbrückt wird er, indem zum Beispiel zwischenmenschliche Informationsvermittlung in den Fokus gerät. In der Ausgangsszene sitzt U. an einem Flughafen fest. Die Nachrichten auf seinem Smartphone mischen sich in seiner Wahrnehmung mit den Katastrophenbildern der Fernsehnachrichten auf den stummen Bildschirmen in der Wartehalle, die wiederum von Glasfenstern und Glasvitrinen hundertfach gespiegelt werden.

Dem Stück „Satin Island“ gelingt aber noch mehr. Denn es belegt: Auch Romanbearbeitungen ergeben mitunter künstlerisch ambitionierte, avantgardistische Hörspiele. Tilmann Hecker schafft es nämlich in seiner Inszenierung gemeinsam mit den Schauspielern (in weiteren Rollen: Christine Groß und Isaak Dentler) nicht nur, Tom McCarthys geschickte Beschreibung entfremdeter und zersplitterter digitaler Kommunikation wiederzugeben, sondern der Regisseur erweitert das Hörspiel auch um einige sehr radiophone Elemente, unter denen besonders die Dialogisierung reiner Erzählpassagen ins Ohr sticht. So wird etwa auch indirekte Rede statt vom Ich-Erzähler U. von der jeweils betreffenden Figur einfach selbst gesprochen. Oder von einer völlig anderen, lediglich in der Szene anwesenden Figur. Dies ist ein einfacher und doch genialer Kunstgriff, der für mehr Lebendigkeit sorgt und den traumtänzerischen Inhalt in die akustische Gestaltungsweise einfließen lässt. Und so ist „Satin Island“ eine Romanbearbeitung, die künstlerische Eigenständigkeit beanspruchen kann, indem sie eine hörspielgerechte komplexe Erzählstruktur bietet, in die einzutauchen dem Hörer Spaß macht.

04.03.2019 – Rafik Will/MK