Tine Høeg: Neue Reisende (SWR 2)

Im Kältestrom entfremdeten Lebens

30.09.2020 •

Der 2017 in Dänemark mit dem Prädikat „Bestes Debüt“ ausgezeichnete und jetzt im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR) als Hörspiel adaptierte Roman „Neue Reisende“ der 1985 geborenen dänischen Schriftstellerin Tine Høeg beginnt als elementar-brachiale Amour-fou-Geschichte. Die namenlose Ich-Erzählerin fährt mit dem Pendlerzug von Kopenhagen nach Næstved, wo sie der erste Schultag als junge Gymnasiallehrerin erwartet. Im Zugabteil begegnet sie einem zehn Jahre älteren Mann, einem Grafiker, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Nach wenigen Gesprächsfetzen (und nach wenigen Textzeilen) haben sie in der Zugtoilette Sex miteinander. Der Mann befriedigt mit dem Quickie lediglich seinen Sexualtrieb, für die Frau hingegen ist dieser Mann der Beginn einer unbegriffenen Irritation und Obsession, die sich in albtraumhaften Phantasien Ventile verschafft.

Die erzählte Zeit von August bis Dezember teilt die Frau in vierzehn Begegnungen ein, in denen sie den Mann nackt gesehen hat: nach der Zugtoilette etwa in einem Schuppen und Park, dann auch in ihrer Küche und im Schlafzimmer. Der Mann und die Frau kommen sich nur körperlich nahe, sie bleiben sich ansonsten fremd, und statt miteinander auch sprachlich zu kommunizieren, flüchtet sich die Frau in Phantasien, in denen sie sich das Familienleben des Mannes vorstellt, an dem sie gerne teilhätte. Nach einem Spaziergang über den Kopenhagener Westfriedhof beendet der Mann per SMS die Affäre und lässt eine psychisch absturzgefährdete Frau zurück: „Wenn ich an das Glück denke / denke ich an kalten Wodka / der mich durchfließt“, bilanziert sie in der zu lyrischen Zeilen gebrochenen Prosa.

Mehr als nur ein Pendant zu den privaten Problemen der Frau sind ihre beruflichen Schwierigkeiten. Sie erlebt bei und mit ihren Kollegen und Kolleginnen kein authentisches Verhalten und das artikuliert sie auch in ihren Erinnerungen an ihre Schulzeit, an ihre Familie, an die Hochzeit ihrer Schwester, an ein Schulfest, an eine Klassenfahrt nach Rom… Privat wie beruflich befindet sie sich, so hat sich ihre Lebensreise entwickelt, im Kältestrom entfremdeten Lebens. Das lapidare offene Ende der Erzählung lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten.

Die 1993 geborene diplomierte Theaterregisseurin Rebekka David hat den 200 Seiten umfassenden Roman (in deutscher Übersetzung von Gerd Weinreich im Februar 2020 im österreichischen Literaturverlag Droschl erschienen) für das rund 70 Minuten dauernde Hörspiel mit richtigen Akzentuierungen adaptiert. Und sie zieht in ihrer erst zweiten Hörspielregie alle tontechnischen Register, um die differenzierte formale Struktur der Vorlage ins akustische Medium zu transferieren. Sie montiert in der aufgelösten Chronologie in harten Schnitten die Geschichtenepisoden, inneren Monologe, Dialoge und die Musik von Camil Jammal.

Der zentralen Rolle des Stücks verleiht Gro Swantje Kohlhof überzeugende differenzierte Facetten. Die anderen Sprecher, auch Nicolas Lehni in der Rolle des Mannes, sind sehr gut besetzte Comprimarii. Das Hörspiel ist eine wirklich gelungene Umsetzung des Romans.

30.09.2020 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

` `