Tim Etchells: That Night Follows Day – Dass die Nacht dem Tag folgt (Deutschlandradio Kultur)

Einfach komplex

24.10.2008 •

Dass Tim Etchells seine Sheffielder Theater- und Performance-Gruppe „Forced Entertainment“ genannt hat, ist weder Zufall noch pure Ironie. Die Zwangsunterhaltung, der sich das Publikum aussetzt, hat in ihren mehrstündigen Langzeit-Performances (sogenannten „Durationals“) durchaus etwas Inquisitorisches, wie man aus dem Interview-Porträt über Etchells von Marianne Wendt erfahren konnte, das vom Deutschlandradio Kultur direkt im Anschluss an das Hörspiel „That Night Follows Day – Dass die Nacht dem Tag folgt“ gesendet wurde. Der Gruppe „Forced Entertainment“ geht es darum, die vierte Wand des Theaters einzureißen, das Publikum als solches zu adressieren, die Regeln des Spiels transparent zu machen und mit dem Publikum zu interagieren.

Ob so etwas im „adressenlosen Raum des Radios“ (Eran Schaerf) funktionieren kann, haben der mit neuerer britischer Dramatik vertraute Schweizer Regisseur Erik Altorfer und der Komponist Martin Schütz ausprobiert – und es ist ihnen in den knapp 50 Minuten bravourös geglückt. Denn die dem Hörspiel zugrunde liegende Performance benutzt ein Mittel, das auf eine große theatrale Tradition zurückblickt: den Chor. Doch statt des antiken Chores der Alten sind es hier 19 Kinder zwischen 5 und 15 Jahren, die Sätze sprechen, die ihnen die Erwachsenen sagen und die ihr Weltverhältnis formen. „Ihr sagt uns / erzählt uns / erklärt uns / lehrt uns, dass ...“ ist die Formel, mit der eine so triviale Erkenntnis wie die, dass die Nacht dem Tag folgt, mit einer komplizierteren wie der, dass Pflanzen Sauerstoff erzeugen, vermittelt werden. Aber auch Erziehungsgrundsätze, Wertvorstellungen und Handlungsanweisungen, Ermutigungen ebenso wie vorsätzliche Demütigungen stehen nebeneinander.

Dass das nicht monoton und litaneihaft wird, liegt an der differenzierten Chorarbeit von Martin Schütz, die die verschiedenen Altersstufen und Temperamente gruppiert, Einzelsprecher und Chor ins Verhältnis setzt und einen Soundtrack dazu mischt, der Takt und Rhythmus des Chores nicht verdoppelt, sondern ihn melodisch ergänzt oder kontrapunktisch bricht. Von anrührend bis aggressiv, von empfindsam bis anklagend konfrontieren die Chormitglieder die Erziehungsberechtigten mit ihren eigenen Sätzen. Doch anders als dem abwesenden Kollektivsubjekt „Ihr“ – als das sich die Radiohörer angesprochen fühlen können – wird den Chormitgliedern einen Moment lang ihre eigene Identität zugestanden und sie treten unter ihrem eigenen Namen auf – jedoch nur, um sofort wieder ins „Wir“ des Chores zurückzufallen.

Befassen sich die Performances von „Forced Entertainment“ häufig mit der Entstehung von Bedeutung und der Kontingenz von Geschichte – die so, aber auch anders sein könnte –, so setzt sich das Hörspiel „That Night Follows Day – Dass die Nacht dem Tag folgt“ (deutsche Übersetzung: Wilfried Prantner) damit auseinander, wie Gesellschaft sich reproduziert. Derart einfach hat man die Offenheit und die Komplexität dieses Prozesses noch nie gehört – und so virtuos ist im Hörspiel selten mit Chören und ihren jungen Mitgliedern umgegangen worden.

(MK; damals erschienen in „Funkkorrespondenz“ Nr. 43/2008)

24.10.2008 – Jochen Meißner/FK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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