Thomas Reintjes: Die Maschine. Kontrolle ist gut, KI ist besser (Deutschlandfunk)

Hinter den Kulissen

31.01.2020 •

Die Studentin Marie Winkler kommt nach Hause und entdeckt im Flur vor der Tür ihres Zimmers ein gewöhnliches Paket mit ungewöhnlichem Inhalt: ein tiefschwarzes, näherungsweise kugelförmiges Objekt, dessen Oberfläche aus unzähligen Dreiecken zusammengesetzt ist. Um was es sich bei dem mutmaßlich von ihrem Freund bestellten Ding handelt, plant Marie später herauszufinden und stellt es beiseite. Als sie jedoch ausgehen will und sich laut selbst fragt, wo sie denn wohl ihre Schlüssel hingelegt habe, erhält sie unversehens Antwort von dem sich als unfehlbare Vorhersagemaschine entpuppenden Designobjekt.

So begann zu Weihnachten 2017 das Science-Fiction-Hörspiel „Die Maschine. Das Dunkle in der Black Box“ von Thomas Reintjes, das auf dem Deutschlandfunk-Sendeplatz „Forschung aktuell“ und dort im Rahmen der Reihe „Wissenschaft im Brennpunkt“ ausgestrahlt wurde (am 26.12.2017). In der Ansage war das Stück als Dokumentation angeführt worden. Denn eingebettet in die 2019 spielende fiktionale Geschichte (die sich also vom damaligen Standpunkt aus gesehen zwei Jahre in der Zukunft ereignete) präsentierte Reintjes O-Töne aus Interviews mit Forschern und Entwicklern auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI).

Als Fazit dieses ersten Teils konnte man festhalten, dass KI in der Praxis teils brauchbare Ergebnisse liefert. Dabei lässt sich der Prozess der Ergebnisfindung jedoch nicht nachvollziehen. KI allgemein bleibt in diesem Sinn immer eine undurchschaubare „Black Box“, die in der Rahmenhandlung des Stücks von der Maschine versinnbildlicht wurde, die in etwa einem sogenannten Sprachassistenten gleichkommt.

Zu Weihnachten 2019 lief nun im Deutschlandfunk wiederum auf dem „Forschung-aktuell“-Sendeplatz Reintjes’ Nachfolgestück „Die Maschine. Kontrolle ist gut, KI ist besser“. Die fiktionale Handlung hat der Autor erneut in die Zukunft verlegt, diesmal schreiben wir das Jahr 2022. Marie hat mittlerweile das Unternehmen DieMaschine.net gegründet und bietet die Dienste der Maschine für alles Mögliche an – außer zu politischen Zwecken, wie es heißt. Sie ist inzwischen vernetzt mit anderen KI-Systemen, die ihre Entscheidungen und Vorhersagen regulierend überwachen und nach Begründungen für sie suchen. Transparenz ist so zwar immer noch nicht gegeben, aber die Kriterien Erklärbarkeit und Fairness werden zur Basis bei der Ergebnisfindung.

Tatsächlich gibt es auch in diesem doku-fiktionalen Hörspiel wieder zahlreiche O-Töne, etwa von Saška Mojsilović, KI-Fellow bei IBM in New York, die das Prinzip sich gegenseitig überwachender KI-Systeme erläutert. Oder von John Dolan, Wissenschaftler am Robotics Institute der Carnegie-Mellon University in Pittsburgh (Pennsylvania), der die Fehlerquote selbstfahrender Autos kritisiert.

Sehr interessant unter Science-Fiction-Aspekten ist die von Thomas Reintjes für die Rahmenhandlung erdachte Bewegung der „Human Supremacists“, die sich mit der Losung „Menschen statt Maschinen!“ auf der Straße Gehör verschafft. Erheblichen Zulauf erhält sie, als die Maschine Medikamentenlieferungen nach globalen Fairness-Kriterien priorisiert und die Versorgungslage in wenig entwickelten Ländern verbessert, was zu einer Insulinknappheit in den Industrienationen führt. Daraufhin wird die Maschine an die kurze Leine genommen und soll regionale vor globale Fairness setzen. Mit dieser Wendung der Geschichte werden aktuelle modernisierungsfeindliche Bewegungen und deren Neigung zu anderen rückwärtsgewandten Einstellungen thematisiert. Der Streit zwischen den KI-Befürwortern und ihren Gegnern kennt kein Gut und Böse.

An der inhaltlichen Konstruktion des Hörspiels „Die Maschine. Kontrolle ist gut, KI ist besser“ stört, dass mit der Ansprache von Marie Winkler in der eröffnenden Sequenz etwas leichtfertig über den am Ende des ersten Teils von 2017 angedeuteten Atomkrieg hinweggegangen wird. Den ‘verursachte’ die Maschine in einer Talkshowrunde, indem sie dort die nukleare Option für den Konflikt mit Nordkorea vorhersagte.

Was an dem 30-minütigen Stück hingegen begeistert, ist die im Konzept begründete und wirklich spannend umgesetzte wörtliche Interpretation des Begriffs „Storytelling“. Den Fakten wird eine fiktionale Geschichte auf den Leib geschneidert. Die Darstellung künftiger Chancen und Risiken der KI in dem Stück ist ein durchdachter Beitrag zu dem im Alltag oft erwähnten Begriff der KI, über dessen Bedeutung aber eher wenig bekannt ist. Auch die Einbindung der O-Töne in den Fluss der Geschichte ist gelungen und als besonderes Gimmick erfreut einen immer wieder die alles kommentierende Stimme der Maschine selbst. Die Sprecher Adam Nümm, Adrian Tillmann, Max Urlacher, Simone Kabst, Inka Löwendorf und Nina West überzeugen zusammen mit dem Autor als Sci-Fi-Ensemble.

Neben den beiden unter der Regie von Friederike Wigger inszenierten Hörspielen gibt es auf der entsprechende Deutschlandfunk-Webseite auch Kurzversionen der jeweiligen Geschichten als Comic und die vollständigen Manuskripte. Wer KI nicht nur passiv bei ergebnisorientierten Anwendungen und bürokratischen Verwaltungsvorgängen (etwa bei Behörden) begegnen will, sondern auch beabsichtigt, einmal einen Blick hinter die Kulissen dieser Technik zu werfen, sollte sich die beiden Hörspiele anhören.

31.01.2020 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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