Thomas Meinecke/David Moufang: Amorbach, California (Bayern 2)

Adorno und die Psychogeographie

10.05.2021 •

Der Begriff „Psychogeographie“ wurde geprägt von der Avantgardebewegung der Situationistischen Internationale um den französischen Autor und Filmschaffenden Guy Debord. Was mit Psychogeographie gemeint ist, beschrieb Florian Neuner in seiner Besprechung („Junge Welt“ vom 4.6.20) einer im vorigen Jahr von Anneke Lubkowitz zu diesem Thema herausgegebenen Anthologie so: „Debord und seinen Freunden ging es um eine subjektive Aneignung des Stadtraums in Opposition zu den rationalistischen Stadtplanungskonzepten ihrer Zeit.“ Im Zentrum der Psychogeographie steht also die körperliche und geistige ‘Ergehung’ einer konkreten Urbanität durch das Umherschweifen eines Einzelnen.

Als „sonische Psychogeographie“ wird im Hörspiel-Programmheft von Bayern 2 das Klangkunst-Stück „Amorbach, California“ von Thomas Meinecke und David Moufang bezeichnet, das Ende März im Kulturradioprogramm des Bayerischen Rundfunks (BR) urgesendet wurde. Das Duo bedient sich für diese Arbeit sowohl an vorgefundenem Sound- als auch Wortmaterial. Zum einen nehmen die beiden als musikalischen Input sogenannten Krautrock der 1970er Jahre, der von Bands und Soloprojekten aus dem Gebiet des Odenwalds stammt. Die ausgewählten (oder in der Wortwahl der beiden Macher: „vorselektierten“) Songs fließen in Form von Samples – verfremdet durch elektronische Bearbeitung, rückwärts laufende Wiedergabe oder auch eigenständiges Nachspielen auf akustischen Instrumenten – in die Komposition ein.

Was die Textebene angeht, beschränkt sich das knapp einstündige Stück auf zwei Einträge aus den teilweise veröffentlichten „Traumprotokollen“ Theodor W. Adornos. Sie stammen aus der Zeit seines Exils in den Vereinigten Staaten, genauer: aus dem Jahr des Kriegseintritts der USA in den Zweiten Weltkrieg, 1941, und aus dem Jahr der Kapitulation Deutschlands, 1945. Urbanität beschreibt Adorno in diesen Kurztexten nicht. Stattdessen wird eine sich stetig verändernde Traumgeographie eingefangen.

Im Protokoll vom 22. Mai 1941 schreibt der gerade erwachte Philosoph, wie er träumte, in Begleitung von Mutter und Tante in Kalifornien in einem Labyrinth aus Wanderwegen und Höhlen spazierenzugehen. Nach dem Durchschreiten eines Torbogens befinden sie sich plötzlich auf dem „Platz der Residenz zu Bamberg“. Direkt danach ist vom „Miltenberger Schnatterloch“ die Rede. Auf eine wimpernschlagkurze Überseereise folgt also die Verschmelzung von Bamberg und Miltenberg zu einem einzigen Traumort. Der Eintrag vom 31. März 1945 wiederum beschreibt die Betrachtung eines Sternenhimmels über „Würzburg oder Amorbach“, der allerdings auf den schlafenden Betrachter wirkt wie eine Theaterkulisse, was zu schnellem Erwachen führt.

Die beiden Texte werden jeweils einmal zusammenhängend von Meinecke gelesen, danach sind sie in zerlegter Form als Teil der Komposition zu hören. Einzelne Sätze erklingen wieder und wieder, oft kaum hörbar und wie aus weiter Ferne. Diese repetitive Monotonie ergänzt das ansonsten vorherrschende Klanggewaber. Alles in allem wirkt das Stück wie Meditationsmusik für angehende Buddhisten oder Yogaschüler. Der semantische Inhalt kommt leider zu kurz und wird einer esoterisch anmutenden Spiritualität geopfert.

Auch wenn beide Traumaufenthalte Adornos in Süddeutschland mit positiven Gefühlen assoziiert zu sein scheinen, ist es etwas merkwürdig, aufgrund dieser kleinen Traumsequenzen dem Exilierten indirekt eine tiefsitzende Heimatliebe zu unterstellen, symbolisiert auch durch die im Sendetitel vorgenommene Verklammerung des im bayerischen Odenwald liegenden Städtchens Amorbach, wo Adorno die Sommer seiner Kindheit verbrachte, mit dem US-Bundesstaat Kalifornien, in dem er sich während des Zweiten Weltkriegs für einen Teil seiner Exilzeit aufhielt. Was den Heimatliebe-Aspekt angeht, scheint Adorno in dem Hörstück wohl eher als Projektionsfläche herhalten zu müssen. Im Bayern-2-Interview mit Ralf Homann sprach Thomas Meinecke dann interessanterweise auch von seinen eigenen „großen Heimatgefühlen“ in Bezug auf die Odenwald-Region.

Was das Hörstück mit Psychogeographie zu tun haben soll, erschließt sich einem nicht unbedingt. Um zu diesem Begriff eine Verknüpfung herzustellen, muss man ihn schon sehr großzügig auslegen. Denn zu hören ist kein Erfahrungsbericht zu städtischem Gelände. Stattdessen beschreibt jemand amorphe Landschaften, die das schlafende Bewusstsein konstruiert hat. Während in den beiden Adorno-Protokollen der menschgemachte Stadtraum dem Naturraum noch nicht zwangsläufig untergeordnet ist, geschieht dies spätestens durch die Odenwald-Assoziationen der Hörspielmacher. Sowohl David Moufang (alias Move D) als auch Thomas Meinecke bleiben in „Amorbach, California“ weit hinter ihren Fähigkeiten zurück. Diese haben sie schon mehrfach in oft preisgekrönten Hörspielen unter Beweis gestellt. Insofern darf man sich auf ihr nächstes Stück freuen – es kann nur besser werden. („Amorbach, California“ ist online im BR-Hörspiel-Pool weiterhin zum Anhören abrufbar.)

10.05.2021 – Rafik Will/MK

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