Thomas Lang: Freinacht (Bayern 2)

Mystisches Gruselett

04.06.2021 •

Thomas Lang hat seinen Roman „Freinacht“ 2019 zunächst im Berlin-Verlag veröffentlicht, basierend auf einer Schreckensgeschichte unter Jugendlichen, die in der Nacht auf den 1. Mai 2006 in einem Wald bei Traunreut (Oberbayern) im angetrunkenen Zustand die Leiche eines Selbstmörders verstümmelten, wobei die Polizei zunächst irrtümlich von einem Gewaltverbrechen ausgehen musste. Die Täter wurden damals vor Gericht gestellt und drei von ihnen wegen Störung der Totenruhe verurteilt, in einem Fall wurde sogar eine einjährige Jugendhaft verhängt.

Erst 2016 hat sich der Autor näher mit dem Stoff befasst und diskutierte sein kommendes Schreibprojekt in den sozialen Netzwerken, wobei er sich von der Internet-Community, aber auch bei Workshops in den Schulen, nach eigenem Bekunden viele Anregungen und Einschätzungen einholte, Meinungen, die dann im Schreibprozess wieder gewandelt und moduliert in den Roman „Freinacht“ frei einfließen konnten.

Auffallend ist zumindest im Roman, dass dort immer wieder eine exzessive und gesuchte „Jugendsprache“ in das Romangeschehen Eingang findet, die das Ergebnis vom intensiven Austausch des Autors mit der Netzgemeinde sein dürfte. Es ist aber kein losgelöster „Netzroman“ entstanden, wohl aber ein literarisches Produkt über die zufällige Verflechtung mit einem stummen, geschändeten „sozialen Toten“, verbunden mit der latenten Sprachlosigkeit zwischen den Generationen (Eltern und deren Kinder) und einer zum Teil monströsen Gedankenwelt entgrenzter Schüler, die alle mehr oder minder noch auf der Suche nach einer eigenständigen Individualität und Persönlichkeit sind.

Auch im Roman wird im Finale eine fantastisch-bedrückende Zwiesprache zwischen der 16-jährigen Elle – die eigentlich Ellen heißt – und dem tot Entrückten gehalten, ein durchaus überraschender Diskurs, dessen mangelnde Bodenhaftung und Verspieltheit auf den Leser zunächst befremdlich wirken mag. Für die im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) realisierte Hörspielfassung hat Thomas Lang (Ingeborg-Bachmann-Preisträger 2005) seine Romanvorlage nochmals gewaltig (und notwendig) entkernt und auf ein dialogisches Geschehen konzentriert zwischen Elle (Enea Boschen) und der Mutter Madlen (Franziska Schlattner) und andererseits den entfesselten Klassenkameraden und Passagen mit dem sprechenden Toten (Aurel Manthei), dessen Name Frank ist.

Das Hörspiel tänzelt allenthalben zwischen dem realistischen Aufbruch einer jugendlichen Gang, die fast unverschuldet in die Normabweichung sich drängen lässt, und einem mystisch-mythischen Gruselett über einen verstümmelten Leichnam, der das Sprechen nicht verlernt hat: Frank: „Wir kennen nicht Schmerz.“ Elle: „Dann hört es also auf?“ Frank: „Nicht, wie du denkst.“ Elle: „Du tust mir so leid. Ich möchte dich in den Arm nehmen, ich will dir alles abnehmen, was schwer und schmerzhaft ist. Aber das geht nicht. Es gibt nur diese einzige scheiß Richtung: voran! Ist das bei euch genauso?“ Frank: „Ich kann jetzt gehen.“ Elle: „Gibt es vielleicht doch die Ewigkeit? […]“ Ja, das muss auch der Hörer erst einmal verdauen und sich nach und nach setzen lassen – dann mag er in aller Hörspielfreiheit befinden und urteilen.

Der Sounddesigner und Performance-Künstler Lorenz Schuster hat die Regie bei dieser 57-minütigen BR-Produktion übernommen und weitgehend stimmig-unauffällige Musikakzente gesetzt. Wenn das Hörspiel nur teilweise überzeugen konnte, so lag dies möglicherweise an dem gescheiterten Spagat zwischen dem dokumentarischen Zugriff und der literarischen Überhöhung einer „Jugend“, die trotz des Tatsachenmaterials und mitsamt ihrer Kunstsprache merkwürdig fremd, artifiziell und entrückt wirkte. (Das Hörspiel „Freinacht“ ist online im BR-Hörspielpool weiterhin zum Anhören abrufbar.)

04.06.2021 – Christian Hörburger/MK

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