Teresa Dopler: Unsere blauen Augen (MDR Kultur)

Zwischen Gigantonomie und Hybris

31.03.2021 •

Die junge österreichische Dramatikerin Teresa Dopler, Jahrgang 1990, hat sich 2019 im Zuge der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Geburtstag der Freien Waldorfschulen (Rudolf-Steiner-Schulen) an einem international ausgeschriebenen Dramawettbewerb beteiligt, zu dem der Veranstalter, der Bund der Freien Waldorfschulen, hinsichtlich der Zielsetzung schrieb: „Für die einzureichenden Stücke soll Folgendes gelten: Ein Menschendrama mitten aus unserer bewegten, hochdramatischen Zeit, die so viel auf ihre humanen Werte und modernen Errungenschaften setzt und doch mehr und mehr aus den Fugen gerät. Es gibt viele Themen, es gibt viele Fragen und es gibt bestimmt keine Antworten. Und am Ende wissen wir nicht einmal, ob wir in einer Zeit der Komödie oder Tragödie leben.“

Die Autorin belegte mit ihrem Bühnenstück „Unsere blauen Augen“ (Uraufführung am 12. Oktober 2018 am Mainfranken Theater Würzburg) in dem Dramawettbewerb den mit 5000 Euro dotierten dritten Platz, wobei die Jury in ihrer Würdigung hervorhob: „Teresa Doplers Bilder, Figuren und ihre Sprache sind poetisch, bezaubernd, ja, herzerwärmend und lustig und tröstlich. Sie schärft die Wahrnehmung von Natur in ihren unendlichen Details und Kreisläufen, in ihrer Weisheit und Stärke. Die große Leistung der Autorin ist ihr Mut zur Schlichtheit, ihr Vertrauen in ihre Bilder- und Sprachwahl, und ihre Liebe zur Natur in eine Form zu bringen.“

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat unter der Regie von Stefan Kanis den Theatertext jetzt als Hörspiel eingerichtet, wobei der sanfte und melancholische Kulturpessimismus der Autorin in feinen akustischen Strichen sich über 56 Sendeminuten ausbreiten kann, wobei das Stück nach einer zweiminütigen Anmoderation beginnt. Postmoderne Gigantonomie und selbstzerstörerische Hybris werden in der kleinen Fabel von Max und Lisa (Jenny Langner/Vincent Redetzki), die sich im Umfeld einer zunächst noch unzerstörten Natur ihr kleines Glück gewaltsam zurechtzimmern wollen, mit vielen ironischen Brechungen gespiegelt. Die umwelt- und kulturzerstörerischen Träume münden allerdings im Finale in einer Feuersbrunst, die möglicherweise didaktischer Fingerzeig für die angesprochenen Schülerinnen und Schüler sein darf. Der moralische Impetus ist dabei nicht ohne Witz und Charme in Szene gesetzt und kann wie von fern auch an Voltaires „Candide oder der Optimismus“ (1759) erinnern, die beißende Abhandlung menschlichen Scheiterns unter dem Vorzeichen bester menschlicher Absichten.

Nicht immer wird im Hörspiel deutlich, dass sich die geschundenen oder missbrauchten Sernitzer Obstbäume in das Geschehen dialogisch einzumischen versuchen. Da hätte es klarerer Verweise bedurft. Dagegen wunderbar zwielichtig die Herren von der Marketing-Abteilung für Eigenheime, bemerkenswert erfrischend Jenny Langner als düpierte Bauherrin und Palmenzüchterin, die wohl ebenso wie Max etwas blauäugig war. Rätselhaft, nicht unbedingt geglückt, ist der rudimentäre Einbau eines Liedtextes von Udo Jürgens, den der Meister des gediegenen Schlagers bereits 1975 unter dem Titel „Ein neuer Morgen“ veröffentlicht hat. Dieses kleine Kulturscharnier knirscht allerdings im Kontext des Hörspiels mächtig. Bei Beurteilung dieses Hörspiels sollte der die Verbindung mit dem Geburtstag der Freien Waldorfschulen nicht ganz vergessen werden. „Es muss nicht alles mit demselben, sondern Verschiedenes mit verschiedenen Maßen gemessen werden“, führte übrigens Rudolf Steiner im Jahr 1901 näher aus.

31.03.2021 – Christian Hörburger/MK

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