Das Stück „Coldhaven“ von John Burnside wurde zum Hörspiel des Jahres 2017 gewählt

08.02.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Hörspiel „Coldhaven“ des schottischen Autors John Burnside zum Hörspiel des Jahres 2017 gewählt. Im Mittelpunkt des vom Südwestrundfunk (SWR) produzierten Stücks steht das Verschwinden zweier Jugendlicher im fiktiven schottischen Dorf Coldhaven. Es geht dabei aber auch um die Märchen- und Sagenwelt von Burnsides Heimatland. Inszeniert wurde das Hörspiel von Klaus Buhlert; Felix Goeser führt als Erzähler durch das 62-minütige Stück. Zu hören sind außerdem Corinna Harfouch, Johannes Silberschneider, Astrid Meyerfeldt, Christopher Heisler und Moritz Kienemann. Der Preis wird am 24. Februar im Frankfurter Literaturhaus verliehen.

John Burnside, geboren 1955 in Dunfermline, ist einer der renommiertesten Dichter und Romanciers der britischen Gegenwartsliteratur. Er erhielt unter anderem den „Corine“-Literaturpreis für den Roman „Lügen über meinen Vater“ sowie den Petrarca- und den T.S.-Eliot-Preis für seine Lyrik. Zu den Romanen des Autors zählen außerdem unter anderem „Helle Sommernächte“ (2011) und „Wie alle anderen“ (2016). Für den SWR schreibt Burnside seit 2012 Hörspiele.

Klaus Buhlert und Bernhard Robben übersetzten den englischen Originaltext von „Coldhaven“ ins Deutsche. Regisseur Klaus Buhlert verantwortete bei dem Stück zudem die Komposition. Die Dramaturgie hatte Manfred Hess (SWR 2). Für Ton und Technik waren Martin Vögele und Anke Schlipf verantwortlich. „Coldhaven“ wurde am 16. Februar vorigen Jahres um 22.03 Uhr im Programm SWR 2 urgesendet (vgl. MK-Kritik) und war von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Februar 2017 gewählt worden (vgl. MK-Meldung).

Hexen, Engel und die Seelen der Toten

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Bensheim vergibt seit 1977 die Auszeichnung „Hörspiel des Monats“. Die dreiköpfige, jährlich wechselnde Jury benennt jeden Monat aus zehn bis zwölf Hörspielursendungen der ARD-Sender und des Deutschlandradios das Hörspiel des Monats. Aus den zwölf Gewinnern wird dann das Hörspiel des Jahres gewählt. 2017 gehörten der Jury folgenden Mitglieder an: Heiko Daniels (Autor, Rezitator sowie Projektkoordinator ‘Digitale Strategie’ der Kunsthalle Mannheim), Eva-Maria Lenz (freie Journalistin) und Bernd Leukert (Autor und Komponist). Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Coldhaven“ und damit das Werk eines ausländischen Autors zum besten deutschsprachigen Hörspiel des Jahres 2017 zu wählen, schreibt die Jury:

«John Burnside, der berühmteste lebende Dichter Schottlands, hat für sein Originalhörspiel das Dorf Coldhaven erfunden, in dem zwei Jugendliche sterben. Die schottische Märchen- und Sagenwelt ist in diesem Ort so lebendig, dass die Erklärung dieser Todesfälle nur über die Aussagen einiger Bewohner zu ermitteln ist, die Hexen, Zaubersprüche, Feen, Engel und die Seelen der Toten ins Spiel bringen, aber auch soziale Vorurteile. Die mögen manchmal bestätigt werden oder auch nicht; sie tragen nichts zur Gewissheit über Gut und Böse bei.

Die nicht-chronologische Rekonstruktion des Geschehens, über die ein dichtes und beziehungsreiches Geflecht aus Naturbeschreibung, knapper psychologischer Zeichnung der Charaktere und mythologischen Motive gelegt ist, hinterlässt bei aller Aufklärung einen beträchtlichen Rest unaufklärbaren Geschehens, der durch die inneren Monologe der beteiligten Personen an sozialer Relevanz gewinnt, aber an der Wahrheitsfindung vorbeiführt. Das Spiel mit repetitiv eingesetzten Samples macht die Natur zu einer beschränkten Ansammlung von Versatzstücken, denen nicht zu trauen ist, freilich auch nicht dem Übernatürlichen, das in den Köpfen überlebt und eine schauerliche Realität erzeugt. „Coldhaven“ wird von einer poetischen, berührenden Sprache getragen und ist mit der prägnanten Klanggestaltung Klaus Buhlerts auf konzise Weise als ungewöhnliches Hörerlebnis realisiert.»

* * * * *

Im Folgenden alle 12 Hörspiele des Monats im Jahr 2017, aus denen die Jury dann das Hörspiel des Jahres wählte:

Januar

Schere Faust Papier (Deutschlandradio Kultur)
Autor/Regie: Michel Decar

Februar

Coldhaven (SWR 2)
Autor: John Burnside, Regie: Klaus Buhlert

März

Die verlorenen Söhne (HR 2 Kultur)
Autor/Regie: Robert Schoen

April

Sie sprechen mit der Stasi (WDR 3)
Autoren/Regie: Andreas Ammer und FM Einheit

Mai

Lutherland (MDR Kultur)
Autor: Lorenz Hoffmann, Regie: Stefan Kanis

Juni

Follower (MDR Kultur)
Autor: Eugen Ruge, Regie: Ulrich Lampen

Juli

Gold. Revue (Deutschlandfunk/SWR 2)
Autor: Jan Wagner, Regie: Leonhard Koppelmann

August

NACHT (Deutschlandfunk Kultur)
Autorin: Etel Adnan, Regie: Giuseppe Maio

September

Mein Freund Lennie oder Die Reise (HR 2 Kultur/Deutschlandfunk Kultur/RBB Kulturradio)
Autor/Regie: Ulrich Gerhardt

Oktober

Patentöchter (WDR 5/WDR 3)
Autorinnen: Julia Albrecht und Corinna Ponto, Regie: Annette Kurth

November

Manitu (MDR Kultur)
Autor: Holger Böhme, Regie: Gabriele Bigott

Dezember

Der Sprung vom Trottoir (HR 2 Kultur), 2‑teiliges Hörspiel
Autor: Hubert Wiedfeld, Regie: Alexander Schuhmacher

08.02.2018 – da/MK