Sven Recker: Fake Metal Jacket. 2‑teiliges Kriminalhörspiel (Deutschlandfunk Kultur)

Wenn die Uckermark Syrien sein soll

30.12.2019 •

Das als Kriminalhörspiel annocierte Stück „Fake Metal Jacket“ von Sven Recker befasst sich mit dem gegenwärtig so bedeutenden Thema der Glaubwürdigkeit im Journalismus. Beim Antihelden der Geschichte handelt es sich um den Kriegs- und Krisenreporter Peter Larsen (gesprochen von Marc Hosemann), dessen Arbeitsmoral einiges zu wünschen übrig lässt. Zwar ist er in seinem Job fleißig wie eine Biene, er hat allerdings keinerlei Skrupel, seine Beiträge komplett zu erfinden. Der Inhalt des Hörspiels ist dabei aber nicht an den Skandal um die von Fälschungen geprägten Reportagen von Claas Relotius angelegt, der seine Texte jahrelang im „Spiegel“ und anderen Medien veröffentlicht hatte und im Dezember 2018 aufgeflogen war.

Die zweiteilige Hörspielproduktion von Deutschlandfunk Kultur basiert auf dem im März 2018 im Verlag ‘Edition Nautilus’ erschienenen, rund 130 Seiten umfassenden gleichnamigen Roman des Autors und Journalisten Sven Recker. Die Funkbearbeitung des Stoffs hat Recker gemeinsam mit Wolfgang Seesko durchgeführt. Seesko führte auch die Regie bei dem mit einer ungewöhnlich großen Anzahl Schauspielern besetzen Stück. In einem Beitrag von Anna Panknin für das „Hörspielmagazin“ des Deutschlandfunks (am 3. Dezember) erklärte Wolfgang Seesko, wie die Durchmischung von Fakt und Fiktion in die Gestaltung eingebracht wurde. So seien die Atmos für die fiktionalen Beiträge, die die Figur Peter Larsen im Stück am laufenden Band fabriziert und als authentisch verkauft, der Tonspur von Nachrichten und Reportagen aus Kriegsgebieten entnommen worden.

Das insgesamt knapp zweistündige Hörspiel „Fake Metal Jacket“ beginnt mit dem Dreh eines gestellten Videos im Stil von Peter Larsen. Der befindet sich irgendwo in der Uckermark an einem Baggersee. Mit motorisiertem Schlauchboot und einigen afghanischen Asylbewerbern als Komparsen inszeniert er einen Bericht über die Flucht aus dem umkämpften Syrien. An Larsens Seite sind bei dieser wie auch den anderen Inszenierungen sein Kameramann Jürgen (Bernd Stegemann) und der Organisator Ahmad (Hassan Akkouch).

Vom Zeitpunkt her ist die Handlung im Jahr 2017 anzusiedeln. In Rückblenden erfährt man, dass Larsen bei seinen Berichten nicht immer so freizügig mit den Fakten umgegangen ist. Er lernte 2011 im libyschen Tripolis den jungen Syrer Ahmad als Hotelangestellten kennen. Statt selbst mit der Kamera loszuziehen, schickt Larsen einfach seinen neuen Freund auf Tour, zwecks Beschaffung von Filmmaterial. Das gibt er aber unter seinem eigenen Namen an die Redaktion weiter, fälscht hier also ‘nur’ die Urheberschaft. Dieser Fake ist zunächst ein Intermezzo, das ihm nach der Rückkehr nach Deutschland als Karrieresprungbrett dient.

Als er in der folgenden Zeit im Zuge seiner weitgehend ehrlichen Arbeit aber einen Anzeigenkunden seines Arbeitgebers verprellt, ist er, was Aufträge angeht, weitgehend weg vom Fenster. Er beschließt deshalb, Ahmad in Syrien zu besuchen. Dort gelingt es ihm dann tatsächlich, einen authentischen, ungefaketen Bericht über Kriegshandlungen im Land zu erstellen, der allerdings von der Redaktion bemängelt wird: Ein szenischer Einstieg muss her, außerdem wird spektakuläres Videomaterial für den Webauftritt verlangt. Kurzerhand denkt Larsen sich eine lebhafte Einleitung aus und fügt unter Zeitdruck altes Filmmaterial aus Libyen hinzu, denn, so sagt er sich: „Ein kaputtes Haus ist ein kaputtes Haus.“

Da niemandem auffällt, dass das Video nicht zum Beitrag passt, verlegt sich Larsen kurzerhand darauf, den (unerkannten) Fake zur Methode auszubauen. Die Entwicklung Larsens blendet die strukturellen Defizite im Journalismus, die Fälschungen begünstigen, also nicht aus, zeigt ihn aber auch als geborenen Halunken – so kann sich ein verhängnisvolles und bisweilen auch komisches Wechselspiel entfalten.

Das also ist die Vorgeschichte zur 2017 spielenden Handlung. Peter Larsen lebt nun zusammen mit dem mittlerweile aus Syrien geflohenen Ahmad undercover in Berlin und versorgt die Medien mit Berichten, die angeblich von der syrischen Kriegsfront stammen. Es kommt, wie es kommen muss, Larsen wird enttarnt und gerät durch Liebesverstrickungen und eine überstürzte Reise in die Hände des syrischen Regimes, das ihn dazu zwingt, im Sinne der Regierung zu berichten, die dafür mit geheimdienstlichen Mitteln seine Glaubwürdigkeit wiederherstellt.

Ziemlich grausam ist das Ende von Larsen, das keinen anderen Schluss zulässt, als dass alle von ihm als Ich-Erzähler getätigten Aussagen von einer jenseitigen Perspektive stammen. Dadurch kommt in dem Hörspiel, das eigentlich kein Kriminalhörspiel ist, sondern eher an eine Mediensatire erinnert, die nötige inhaltliche Schwere zum Tragen, denn in gewissen Sinne handelt es sich hier auch um eine Art Antikriegshörspiel – so wie Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ (1987) ein Antikriegsfilm ist. Trotzdem ist „Fake Metal Jacket“ weitgehend sehr locker gehalten und damit ein kontrastreiches Hörerlebnis. Und es lässt einen am Ende wirklich in der Verblüffung zurück, dass Sven Recker in seiner fiktionalen Geschichte, die ja als Buch im Frühjahr 2018 erschien, im Punkt des Fake-Journalismus den Fall des Fälschers Relotius, der dann rund zehn Monate später bekannt wurde, gleichsam vorwegnahm.

30.12.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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