Susanne Sachsse: Original Sin. Der Gang der Frau im Sozialismus (NDR Kultur)

Roadmovie und Hörspiel‑Musical

30.10.2019 •

Eigentlich sollte es ein Film werden, denn für das Projekt „Original Sin. Der Gang der Frau im Sozialismus“ hatte die Schauspielerin, Sängerin und Performerin Susanne Sachsse ein Drehbuchstipendium, war jedoch von der eigenen Narration so gelangweilt, dass sie den Film dann doch nicht machen wollte. Verraten hat sie die Vorgeschichte ihres ersten Hörspiels der Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg in einem einstündigen Gespräch für das NDR-Radioformat „Klassik à la carte“ am 14. Oktober, zwei Tage vor der Ursendung ihres 86-minütigen Hörspiels (beides im Programm NDR Kultur).

Susanne Sachsse war zuletzt in einer Hauptrolle in Felix Kubins Hörspiel „Die Maschine steht still“ nach dem gleichnamigen Roman von Edward Morgan Forster zu hören (vgl. MK-Kritik). Und zu sehen war sie anlässlich der Biennale 2019 in Venedig in der Rolle als Pressesprecherin Helene Duldung der Künstlerin Natascha Süder Happelmann (eigentlich: Natascha Sadr Haghighian), die mit einem überdimensionalen Pappmaché-Stein als Kopf stumm blieb.

Die Kontexte von Film und bildender Kunst sind nicht ganz unwichtig für das Projekt „Original Sin“, das schon als Konzert-Performance zusammen mit der Drag-Performerin Vaginal Davis und der Band Xiu Xiu um den Musiker Jamie Stewart über die Theaterbühnen getourt ist. So sind denn auch die Beschreibungen von Filmeinstellungen ein Strukturmerkmal der Hörspielfassung, bei der die Autorin selbst Regie geführt hat.

Die Handlung basiert auf einer Reise von Susanne Sachsse in das fiktive thüringische Dorf Übermasstedt zum Haus ihrer verstorbenen Großmutter Luise Brand. Die hatte, als die DDR-Führung ihr Volk hinter einen antifaschistischen Schutzwall einsperrte, ein Haus gebaut, dessen Mauern doppelt so dick waren wie die Berliner Mauer. „Alles privat. Das ist keine Religion, sondern die Suche nach einer Sünde“, schildert Luise Brand (dargestellt von Silvia Rieger) ihre Motivation. Dort lebte sie mit ihrem 15 Jahre älteren Mann und einem 15 Jahre jüngeren Liebhaber und führte eine für die DDR absolut untypische Existenz. Eine wahre Geschichte, wie Susanne Sachsse versichert, die in einer Doppelrolle sich selbst und die Erzählerin spielt.

Nun soll das Haus der Großmutter verkauft werden: „Luise Brand hat sich nach dem Mauerfall im System komplett aufgelöst. Nämlich dann, als Individualität zur Massenware wurde“, heißt es im Hörspiel. Während der Fahrt nach Thüringen ruft dauernd eine Dramaturgin an (gesprochen von Margarita Broich), die von der Hauptfigur Susanne Material für die künstlerische Verarbeitung der Großmuttergeschichte unter dem Motto „DDR untold“ anfordert.

Der Villa der Luise Brand stehen die Plattenbauten des DDR-Wohnungsbauprogramms gegenüber. Unwillkürlich fragt man sich, ob und wann er kommen wird, der blödeste und meistzitierte Kalauer des DDR-Dramatikers Heiner Müller. Und tatsächlich, bei Minute 11 ist sie da, die Alliteration „Fickzellen mit Fernheizung“ – eine Pointe, so unausweichlich wie ein Auffahrunfall. Man sieht sie kommen, möchte am liebsten weghören und kann es doch nicht.

Neben Heiner Müller werden auch kurz noch Brigitte Reimann und Thomas Brasch anzitiert, der Rest ist Biografisches, das auch nichts anderes ist als ein Rohstoff, der wie Plaste-und-Elaste-aus-Schkopau in verschiedene Formen (Film, Konzert, Hörspiel) extrudiert werden kann. Wobei die Gattung Hörspiel auch noch ihre eigenen Unterformen hat. Zunächst kommt Susannes Sachsses spielfilmlanges Hörspiel als akustisches Roadmovie daher, das seine Produktionsmittel gleich mitbeschreibt. So viele Beschreibungen von Filmszenerien – „Einstellungen“, „Totalen“, „Halbtotalen“, „Cuts“ – wurden selten im Hörspiel angesagt. Sie bleiben in ihrer Verbalisierung jedoch bloße Behauptung, weil sie nie in akustische Räume übersetzt werden. Währenddessen bedient man sich zugleich beim Repertoire eines anderen Filmgenres und formt den Stoff mit Filmmusikzitaten wie auch mit den Songs von Xiu Xiu zu einem Hörspiel-Musical um.

Insgesamt hat der Stoff seine Form im Akustischen nicht gefunden. Vielleicht wäre „Original Sin“ doch besser ein Konzeptalbum geworden. Aber das Schöne am Hörspiel im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist ja, dass ein Experiment auch mal misslingen darf.

30.10.2019 – Jochen Meißner/MK

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