Stück über den Solinger Brandanschlag von 1993 ist Hörspiel des Monats April

07.05.2020 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Türken, Feuer“ von Özlem Özgül Dündar zum Hörspiel des Monats April benannt. Bei dem Stück handelt es sich um eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Regie führte Claudia Johanna Leist. Die Ursendung des 54-minütigen Hörspiels (Dramaturgie: Gerrit Booms) erfolgte am 18. April um 19.04 Uhr im Programm WDR 3; tags darauf wurde es bei WDR 5 auf dem Sendeplatz „Hörspiel am Sonntag“ (17.04 bis 18.00 Uhr) wiederholt.

In dem Stück, das 2019 zunächst als Theaterinszenierung realisiert wurde, geht es um den Brandanschlag vom 29. Mai 1993 in Solingen, bei dem fünf Menschen türkischer Abstammung ums Leben kamen. Özlem Özgül Dündar, Autorin und Übersetzerin, wurde 1983 in Solingen geboren und hat die Geschehnisse von 1993 in der Radio- und Theaterarbeit literarisch aufgearbeitet. Geplant sei, dass „Türken, Feuer“ im nächsten Jahr auch als Roman erscheint, berichtete im Februar Deutschlandfunk Kultur.

Das Hörspiel gebe den Opfern des rassistischen Brandanschlags eine Stimme, schreibt die Jury der Akademie in ihrer Begründung für die Auszeichnung der Produktion: „Es sind ausschließlich Frauen, die sprechen. In einer Sprache, deren poetische Bilder so dosiert und präzise sind, dass sie das Geschehen mit einem Höchstmaß an erschütternder Intensität vergegenwärtigen.“ In dem Hörspiel lasse die Autorin unter anderem eine Mutter zu Wort kommen und schildere „das schreckliche Ereignis aus ihrer Perspektive“, so die Jury weiter, „diese intensive Innenschau der Gedankenwelt hat für die Betroffene den Effekt, dass sie nicht in der passiven Opferrolle verharrt, sondern zur aktiv Handelnden wird: das Erzählen als Selbstermächtigung gegen Vergessen, Rassismus, aber auch stereotype Geschlechterrollen.“

Für die Lehrpläne deutscher Schulen

Dem herausragenden Sprecherinnen-Ensemble mit Lilay Huser, Marina Galic, Kathleen Morgeneyer, Johanna Gastdorf und Tula Rilinger gelinge es unter der Regie von Claudia Johanna Leist und subtil unterstützt durch die atmosphärische Spannung der Musik von Dirk Dresselhaus (Schneider TM), den Toten des Anschlags, den traumatisierten Überlebenden, aber auch der Angehörigen eines mutmaßlichen Täters eine Stimme zu geben, schreibt die Jury. Özlem Özgül Dündar belasse es in ihrem Hörspiel aber nicht dabei, nur die Opfer und somit auch die Frauen zu Wort kommen zu lassen, sondern sie fordere „zur Auseinandersetzung auch mit unvereinbaren Positionen“ auf. Eben dieser Perspektivwechsel sei „die Grundvoraussetzung für die Überwindung rassistischer Denk- und Handlungsstrukturen“.

Die Begründung der Jury endet mit dem Satz: „Wegen seiner großen gesellschaftlichen und politischen Dringlichkeit verbindet sich daher mit der Würdigung von ‘Türken, Feuer’ als Hörspiel des Monats nicht nur die dringende Empfehlung, dieses Stück zu hören, sondern auch, es in die Lehrpläne deutscher Schulen aufzunehmen.“ Das Hörspiel ist noch bis Mitte April 2021 über die Website des WDR und in der ARD-Audiothek zum Anhören abrufbar.

07.05.2020 – MK

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