Stephan Krass: Havanna Exit (Deutschlandfunk Kultur)

Der Pilot, der Flug und der Tod

09.03.2019 •

In der Nacht vom 8. zum 9. August 1841 geriet der Raddampfer „Erie“ auf der Fahrt über den Eriesee in Brand. Das Schiff nahm sogleich Kurs auf das acht Meilen entfernte US-amerikanische Ufer. Von den etwa 300 Menschen an Bord – die genaue Anzahl konnte nie ermittelt werden – konnten am Ende nur 29 gerettet werden. Dieses historische Ereignis inspirierte Theodor Fontane, den Dichter und einflussreichen Journalisten seiner Zeit, zu einer seiner bekanntesten Balladen, „John Maynard“, die 1886 erstmals veröffentlicht wurde.

Neben anderen literarischen Einflüssen, von denen noch zu reden sein wird, regte dieses bekannte Gedicht den Schriftsteller und ehemaligen SWR-Literaturredakteur Stephan Krass zu seinem Hörspiel „Havanna Exit“ an. In der Regie von Iris Drögekamp wurde es vom Deutschlandfunk Kultur realisiert. Die Absicht war jedoch nicht, das beträchtliche literarische und kulturgeschichtliche Wissen des Autors auszustellen, sondern den letzten Phasen eines fast parallel verlaufenen, aktuellen Vorgangs nachzuspüren. Es geht um den unausweichlichen Tod (Exitus) von Passagieren eines Fluges nach Havanna. Dabei versucht der Autor, die vielfältige, verzwirnte und verschachtelte Vorgeschichte des Piloten auszuloten. Wer an dieser Stelle an den Todesflug einer Germanwings-Maschine am 24. März 2015 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf denkt, die an einer Felswand in den französischen Alpen zerschellte, geht nicht fehl. In dieser Maschine saßen 150 Menschen, überwiegend Schüler. Keiner überlebte.

Im 64-minütigen Hörspiel von Stephan Krass sind die Passagiere auf dem (fiktiven) Flug nach Havanna ebenfalls Kinder. Alles Jungens, wie es scheint. Nicht immer werden die Realien ganz klar, denn es geht dem Autor vor allem um die psychische Struktur, die einen Menschen dazu treiben kann, andere willentlich und – man wagt es kaum zu sagen – nicht ohne Wollust und Obsession umzubringen. Kühl analysiert der Pilot, wie ihn sein Lebensweg dahin geführt hat, dass er nun den mit fliegerischem Können genussreich und selbstzufrieden ausgeführten Sinkflug beginnt. In einem Zwiegespräch mit der die Kinder begleitenden Schwester räsoniert er über das mediokre Flugpersonal und darüber, dass er schlussendlich die Herrlichkeit des Universums suche.

Der Text braucht jedoch eigentlich keinen metaphysischen Überbau. Die Narration lässt keinen Zweifel daran, was sie alle erwartet, den Piloten wie die Passagiere. Der Pilot sieht sich als Charon und Herrscher über All und Tod. Er steuert die Meeresoberfläche an, denn das Wasser sei, so sagt er, härter als Beton. Das Flugzeug wird also in keinem Fall den Aufprall überstehen. Wie in Theodor Fontanes Ballade ist der Pilot wie ehedem der Steuermann John Maynard dem Tod geweiht. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass John Maynard ein Retter und der Pilot aber ein Mörder ist und dass das, was bei Fontane schicksalhaft ist, beim Protagonisten von Krass als Folge bedrängender Erlebnisse und psychischer Deformationen erscheint.

Erstaunlich bei einem so bewanderten und erfahrenen Autor wie Stephan Krass (1951 in Ochtrup/Westfalen geboren, in Karlsruhe und New York lebend), dass er sich das Beglaubigungsrepertoire vieler Romane beziehungsweise deren Rückgriff auf die alles verschuldende Kindheit der Hauptfigur aneignet. Da gibt es die verständnis- und emotionsarme, um nicht zu sagen: böse Mutter, den viel zu viel beschäftigten Vater und in der Jugend vielleicht Missbräuche – das allerdings wird nur sehr verschleiert angedeutet.

Um klarzumachen, wie er verstanden werden will, wählt Krass, nach Fontane, erneut einen literarischen Zugriff. Diesmal ist es der schottische Lyriker Robert Burns und dessen 1782 entstandenes Gedicht „Through the Rye“, das zu einem beliebten Kinderlied wurde. Auch Jerome David Salinger kannte es und nannte den Roman, der ihn weltberühmt machen sollte, „The Catcher in the Rye“ („Der Fänger im Roggen“), nach dem Refrain von Burns Poem. Die Biografie von Salingers Held, eines 16-Jährigen, der sich zur psychiatrischen Behandlung in einem Sanatorium befindet und Rückschau hält, weist ebenfalls deutliche Parallelen zu Phasen im Leben des Piloten aus dem Hörspiel auf, der seine Maschine mit den 216 überwiegend jugendlichen Passagieren zielgerichtet in den Abgrund fliegt. In 5000 Fuß Meerestiefe werden dann alle liegen, zerfetzt und zerstreut.

Iris Drögekamp hat die nicht ganz leichte Aufgabe übernommen, den ebenso vielschichtigen wie eigenartig monochromen Hörspieltext stimmlich umzusetzen. Unaufgeregt und mit sicherer Hand inszeniert sie das Stück. Ohne Jörg Hartmann als Pilot wäre das jedoch wohl kaum gelungen. Er gewinnt dem gelegentlich sehr diskursiven Text auch dort Kontur und Volumen ab, wo der Lesecharakter zu überwiegen scheint. Hartmann gelingt es, die Spannungsdramaturgie von Fontanes „John Maynard“ auf die Narration von „Havanna Exit“ zu übertragen.

John Maynard beziehungsweise dessen historisches Vorbild wurde nach allem, was man weiß, nur wenige Minuten vor dem rettenden Hafen von den Wellen ins Meer gerissen. Der Pilot des Flugs nach Havanna hat sich und seine Passagiere in den Tod gesteuert, die 216 Flugreisenden wurden Opfer seines Größenwahns. Stephan Krass moralisiert nicht, er zeichnet ein Psychogramm. Auch wenn der Text gelegentlich etwas überfrachtet scheinen mag, ist er Grundlage eines spannenden, literarisch beziehungsreichen Hörspiels geworden.

09.03.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK