Stefan Panhans: HOSTEL (NDR Kultur)

Aussprache statt Aussehen

08.04.2020 •

Bei Hörspielen handelt es sich nicht selten um Stücke, die ihren Ursprung in einem anderen Medium haben. Auf diesem Feld dominieren eindeutig die Literatur- und Theaterbearbeitungen. Eher selten findet hingegen Videokunst den Weg ins Radio. Stefan Panhans, der als Künstler überwiegend mit Video, Fotografie und Performance arbeitet, bespielt mit seinem Hörspiel „HOSTEL“ genau diese Nische. Grundlage dieser Radioarbeit ist die gleichnamige, rund 80-minütige ‘Miniserie’ von Panhans, die 2018 als Videoinstallation für das Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg entstand. Im Jahr 2019 wurde diese Installation bei der Videonale.17 im Bonner Kunstmuseum von der Preisjury mit einer lobenden Erwähnung bedacht.

Das Video zeigt das quietschbunt eingerichtete Mehrbettzimmer eines Hostels (oder einen entsprechenden Nachbau), in dem sich fünf Personen befinden. Das in vier Episoden aufgeteilte Video setzt sich unter anderem mit Alltagsrassismus und dem oft prekären Status von Schauspielern auseinander.

Dass „HOSTEL“ nun vom Autor in einer Radiofassung neu inszeniert wurde, ist eine echte Bereicherung. Es kommen im 54-minütigen Hörspiel dieselben fünf Darsteller wie in der Videoinstallation zum Zug: Serge Fouha, Lisa-Marie Janke, Olivia Hyunsin Kim, Koffi Emile Odoubou und Anne Tismer. Sie alle leihen ihren Rollen die realen Vornamen. Und sie bringen unter anderem eigene Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung oder mit zweifelhaften Rollenangeboten in die Ausarbeitung mit ein. Einige von ihnen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Trotzdem spielen die Akteure nicht sich selbst, ihre Figuren haben einen überpersönlichen Charakter.

Ergänzt wird die Sprecherliste des Hörspiels um den Autor, der stilvoll unpersönlich die Szenenbeschreibungen vorträgt und seinem Part damit die Objektivität der Kameraperspektive verleiht. Außerdem spricht die Schauspielerin Anne Ratte-Polle einen entrückten Avatar, der Traumszenarien durchlebt.

Eine durchgehende Handlung weist „HOSTEL“ nicht auf. Aber die braucht es auch nicht, schließlich ändert sich die Bewohnerschaft eines Mehrbettzimmers in einem echten Hostel auch ständig. Was durch plötzliche Schnitte oder unentwirrbare Überlagerungen beim Zuhörer an Verwirrung entsteht, wird durch den roten Faden der inhaltlichen Folgerichtigkeit wieder wettgemacht, alles läuft auf eine Kritik der bestehenden Besetzungspolitik vor allem im Film, aber auch auf der Bühne und im Hörspiel hinaus. Die Kritik ist treffend, denn überall dort werden Leuten mit ‘Migrationshintergrund’ immer noch vornehmlich Rollen wie Putzfrau, Dealer oder Flüchtling angeboten.

Der Schluss, den das Stück „HOSTEL“ aus seiner Kritik dieser Besetzungspolitik zieht, besteht allerdings nicht bloß darin, eine Forderung nach mehr Diversität im bestehenden Schauspiel-Business aufzustellen. Das Hörspiel geht in Sachen Ursachenforschung vielmehr einen Schritt weiter. In den Fokus gerät dabei das kapitalistische System, das überhaupt erst den Zwang erzeugt, als selbständiger Schauspieler mit laufenden Kosten und unter Konkurrenzdruck derartige Rollen annehmen zu müssen. Die Forderung nach der Abschaffung dieses kapitalistischen Systems bleibt implizit.

Sinnbildlich ist die von plötzlichen Jingles und ähnlichen Stilmitteln geprägte ästhetische Achterbahnfahrt, die das Hörspiel in seiner Gesamtheit darstellt. Schließlich ist das moderne berufliche Leben als Schauspielerin oder Schauspieler sehr wechselhaft.

Was an dieser Hörfunkarbeit wirklich begeistert, ist das zusätzliche Abstraktionsniveau, das dem Reden über Diskriminierung, die aufgrund des Aussehens erfolgt, im rein akustischen Medium Radio innewohnt: Das konkrete Aussehen des sprechenden Individuums tritt hier nämlich in den Hintergrund. Der Clou ist natürlich, dass wiederum im gleichen Maß das Sprechen, die Aussprache der jeweiligen Person in den Vordergrund tritt. So wird auch deutlich, dass Rassismus nicht nur auf der visuellen, sondern auch auf der auditiven Kategorie beruht. Und ohne ausdrückliche Thematisierung der Problematik fällt einem dadurch auf, dass beispielsweise Schauspieler mit deutlichem Akzent in Hörspielen sehr stereotype Rollen bedienen müssen.

Es ist ein ausgefuchstes, verwinkeltes und trotz allem Ernst nicht zuletzt selbstironisches Spiel mit Rollenzuschreibungen und deren Analyse, das der Autor und die Sprecher hier treiben. Das vermeintliche Niemandsland zwischen Video- und Audiokunst wird in dem Stück nicht einfach übergangen, sondern künstlerisch urbar gemacht. Und das ist schon beinahe revolutionär.

08.04.2020 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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