Stanislaw Lem: Der Unbesiegbare. Hörspielbearbeitung von Andreas Jungwirth nach dem gleichnamigen Roman (MDR Kultur)

Space Opera – intelligent und unterhaltsam

17.12.2018 •

Der polnische Schriftsteller Stanislaw Lem (1921-2006) zählt mit zahlreichen Sachbüchern unter anderem über angewandte Philosophie und Kybernetik, mit Romanen und mit Erzählungen zu den weltweit erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren. Seine Bücher erschienen in mehr als 45 Mio Exemplaren in fast 60 Sprachen, sein berühmtester Roman „Solaris“ (1961) wurde zweimal verfilmt: 1971 von Andrei Tarkowski und 2002 von Steven Soderbergh. Mehrere Bücher des Autors waren bereits Vorlagen für Hörspielbearbeitungen. Jetzt produzierte der Mitteldeutsche Rundfunk für sein Programm MDR Kultur Lems 1964 erschienenen Roman „Der Unbesiegbare“ in einer Hörspielbearbeitung von Andreas Jungwirth unter der Regie von Oliver Sturm.

In deutscher Sprache gibt es mehrere Ausgaben von „Der Unbesiegbare“ (die erste stammt von 1967); diese Ausgaben tragen den Untertitel „Utopischer Roman“. Differenzierter ist da die Zuordnung zur wissenschaftlich-phantastischen Literatur des Subgenres Space Opera. Lem lokalisiert wie in vielen seiner Romane und Erzählungen auch hier die Handlung im Weltall, in diesem Fall auf dem Planeten Regis III. Auf seiner Expedition dorthin entdeckt die hundertköpfige Besatzung des zehnstöckigen Raumschiffs „Der Unbesiegbare“ das verschollene Schwesterraumschiff „Kondor“ und dessen tote Besatzung auf Regis III. Der Tod der Weltraumfahrer stellt die Ärzte und Wissenschaftler vor ein Rätsel: Die Toten weisen keine Verletzungen auf, sie sind auch nicht verhungert oder verdurstet.

Auf der Suche nach den Ursachen des „Kondor“-Unglücks erkunden mehrere Forschertrupps den offenbar unbelebten, wüsten Planeten. Dabei wird die Expedition von gigantischen Schwärmen von „Fliegen aus Metall“ in Miniaturgröße angegriffen. Diese „künstlichen Insekten“ entwickeln in massenhafter Formation tödliche elektromagnetische Substanzen, die die „Kondor“-Besatzung getötet und das Raumschiff verwüstet haben. Die Forscher sehen sich in ihrer Hypothese bestätigt, dass die „kybernetischen Schwärme“ genetische Derivate von sich selber reproduzierende Automaten sind und sich gegen alles feindliche Leben behauptet haben. Die Forscher fliehen vor der Macht des Zerstörungspotenzials der sich in Entsprechung zu Darwins Evolutionstheorie ständig optimierenden Objekte.

Der vor 54 Jahren erschienene Roman und das aktuelle Hörspiel können in Teilen als Parabel auf die Fortschrittsdialektik autonomer Prozesse der IT-Technologie verstanden werden. Und Lems Credo, es gebe keine tote Materie, alles sei Leben, also die Infragestellung des anthropozentrischen Weltbilds, ist das Nachdenken wert.

Diese Interpretationsperspektive steht im Fokus der ausgezeichneten Hörspielbearbeitung, die ohne einen traditionellen Erzähler auskommt und die im Roman gelegentlich ausufernden technischen Detailbeschreibungen auf das Wesentliche konzentriert. Oliver Sturm hat in Kooperation mit der Komponistin Sabine Worthmann kein bombastisches akustisches Weltraumabenteuer inszeniert, sondern eine ausgefeilte Dialogregie in den diskursiven Partien gestaltet. Und er hat ein homogenes Ensemble guter Sprecher geführt, darunter Hanns Jörg Kumpholz, Leslie Malton, Udo Schenk, Felix von Manteuffel und Anton von Lucke sowie Mira Partecke als sprechender und singender Roboter Iris. Der Hörer muss nicht etwa über Kybernetik-Kenntnisse verfügen, um den Diskursen der Wissenschaftler folgen zu können. Das 78-minütige Hörspiel erzählt das Sujet sehr spannend und bietet intelligente Unterhaltung.

17.12.2018 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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