Simone Kucher: Nach dem Essen (WDR 3)

Hungern für die Zukunft

12.11.2020 •

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, so lautet ein berühmtes Zitat aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. In dem Hörspiel „Nach dem Essen“ von Simone Kucher, einer WDR-Produktion unter Regie von Claudia Johanna Leist, wird dieses Bonmot kurzerhand umgekehrt. Dort heißt es an einer Stelle: „Die Moral kommt vor dem Fressen.“ Es geht also ums Essen als moralisch bewertbaren Akt und damit vor allem um den Konsum von Fisch und Fleisch oder den Verzicht darauf.

In der Eröffnungsszene des Stücks angelt der mit seiner Familie an der Küste lebende Teenager Jonas (Vincent Krüger) einen Fisch. Die anfängliche Begeisterung über den erfolgreichen Fang ist am Esstisch aber längst verflogen und Jonas stellt von da an ohne ersichtlichen Grund das Essen komplett ein. Vielleicht weil der Fisch, der hier eine Stimme hat (Sprecher: Carlos Lobo), eben kein gewöhnlicher Fisch ist, sondern ein aus überzeitlicher Perspektive heraus monologisierender Kiemenatmer, der auch nach dem Verspeistwerden für Jonas als Stimme, die zynische Kommentare abgibt, hörbar bleibt. Von Jonas selbst hingegen hört man kaum noch etwas, er bleibt während der meisten Zeit des Hörspiels stumm wie ein Fisch. Eine weitere übergeordnete Perspektive kommt von den immer wieder sprechsingend auftauchenden „Sirenen“, die so etwas wie den Soundtrack zum Stück liefern (Komposition: Schneider TM).

Jonas‘ große Schwester Billy (Milena Arne Schedle) sieht in dem plötzlichen Hungerstreik ihres Bruders einen politischen Protest gegen übermäßigen Fisch- und Fleischkonsum und begleitet seine ‘Aktion’ mit regelmäßigen Posts in den sogenannten sozialen Medien. Sie ist es auch, die mit ihrer Dokumentation und aktivistischen Überhöhung der Essensverweigerung ihres Bruders eine internationale Protestbewegung junger Leute wachruft, die auch alle in einen Hungerstreik treten. Die beabsichtigten Parallelen zu „Fridays For Future“ sind hier unverkennbar. Die Eltern (Anna Schudt und Moritz Führmann) von Jonas und Billy sind entsetzt und versuchen mit allen Mitteln, eine Zwangsernährung durchzusetzen. Daraufhin nehmen Jonas und Billy reißaus.

Problematisch an der Konstruktion der Geschichte ist vor allem, dass sie eine Diskussion, die in den übersättigten Industriestaaten ihren Platz hat, auf einen globalen Maßstab überträgt. Denn Nahrungsmittelsicherheit ist für viele Menschen auf der Welt noch heute nichts als ein Wunschtraum. Diesen Umstand übergeht das Hörspiel jedoch geflissentlich. Auch fällt auf, dass die initiierte Protestbewegung ausschließlich auf die Moral der Konsumenten von Nahrungsmitteln zielt und die Produzenten keine Rolle spielen.

Abgesehen von den nur halb greifenden moralischen Aspekten weist das Stück auch einige weitere Schwachstellen auf. Wie zum Beispiel Kinder und Jugendliche, die sich im Hungerstreik befinden, die Kraft für lautstarke Massendemonstrationen aufbringen sollen, bleibt unklar. Damit scheint auch die rationale Grundlage der fiktiven Bewegung, die beim realen Vorbild „Fridays for Future“ ja gegeben ist, zu wackeln. Die eigene Kampfkraft durch Hungern zu schwächen, ist alles andere als sinnvoll. Konsequenterweise wird diese Selbstverneinung in dem Hörspiel zum Ausdruck gebracht, indem Jonas sich bei der Flucht mit Billy – von der das ganze Stück lang unklar bleibt, ob auch sie hungert – im Meer ertränkt.

Die Probleme, die das nur 36 Minuten lange Stück mit sich bringt, mal beiseitegelassen, ist „Nach dem Essen“ jedoch eine sehr ambitionierte Hörspielproduktion, die nicht nur auf die durch die soziale Medien bewirkten Änderungen im Kommunikationsverhalten aufmerksam macht, sondern am Esstisch vielleicht den einen oder anderen über das Nachdenken lässt, was da auf dem Teller liegt.

12.11.2020 – Rafik Will/MK

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