Sherko Fatah: Der letzte Ort (NDR Kultur)

Entführungsopfer

23.09.2015 •

Welche menschlichen Dramen hinter den Nachrichtenschlagzeilen über Entführungen stehen, lässt sich meist nur erahnen. Eine genauere Beschäftigung mit dem Schicksal von Opfern eines Kidnappings erfolgt im Hörspiel „Der letzte Ort“ von Sherko Fatah. Der Autor entwirft hierin das fiktive Szenario der Gefangennahme eines deutschen Kulturhistorikers und seines einheimischen Übersetzers im heutigen Nordirak. Dabei greift das packende Stück nicht nur die politischen und religiösen Hintergründe der Tat selbst auf, sondern widmet sich auch den tiefsitzenden kulturellen und weltanschaulichen Differenzen zwischen den beiden Gefangenen.

„Der letzte Ort“ erschien zunächst in Romanform beim Luchterhand Literaturverlag (München 2014) und wurde nun in der Funkeinrichtung und unter Regie von Beate Andres beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) als gut 70-minütiges Hörspiel produziert; zuständiger Redakteur beim NDR war Henning Rademacher. Dass die Fertigstellung und Ausstrahlung der akustischen Umsetzung zeitlich recht nahe auf die Buchveröffentlichung folgt, ist angesichts der aktuellen Thematik unabdingbar und auf jeden Fall zu begrüßen.

Direkt zu Beginn wird der Hörer mit der bedrohlich ungewissen Situation von Albert (Jens Harzer) konfrontiert. Der aus Berlin stammende Mann, der auf eine Jugend in der DDR zurückblickt, war in den Irak gekommen, um bei der Katalogisierung der geplünderten und durcheinandergebrachten Museumsbestände des Landes zu helfen – nun bereitet er sich in einem kurzen, desillusionierenden Selbstgespräch darauf vor, dass der staubige Verschlag, in dem er gefangen gehalten wird, der letzte Ort sein könnte, den er in seinem Leben sieht. Von einem Erzähler (Michael Wittenborn) wird geschildert, wie Albert die turbulenten Umstände seiner Entführung durch die schiitische „Bruderschaft“ rekapituliert und danach doch immer noch keine Antwort darauf weiß, wieso er von dieser Miliz entführt wurde oder wo sein Übersetzer Osama (Christoph Luser) geblieben ist. Alles was Albert erfährt, ist die Folter seiner Peiniger

Osama wird erst geraume Zeit später zu Albert gebracht, ihm haben die Entführer noch ärger zugesetzt. Er spricht davon, die für Albert bestimmten Prügel bezogen zu haben. Hier deutet sich bereits der Konflikt der beiden an. Dennoch raufen sie sich zusammen, besinnen sich auf ihre gemeinsame Lage und mit vereinten Kräften gelingt es ihnen zu fliehen.

Doch lange währt die Freude über die neu gewonnene Freiheit nicht. Aus Angst vor Entdeckung trennen sich die beiden. Albert versteckt sich in einer Höhle am Strand, während sich Osama bis zu einer Hütte durchschlägt, in der er auf Abdul (Philipp Hochmair) trifft, einen alten Bekannten. Beide teilen eine Vergangenheit als Grabräuber, ihre Wege hatten sich vor Jahren getrennt, als bei einem verunglückten Raub nur Osama ungeschoren davon kam – nämlich indem er seine Komplizen, darunter Abdul, im Stich ließ. Trotz der vorbelasteten Beziehung der zwei bekommt Osama von Abdul Hilfe, wird zunächst von ihm versteckt und soll später sogar in sichere Entfernung fortgebracht werden. Weil Osama seinen Weggefährten Albert jedoch nicht zurücklassen will und begründete Mutmaßungen über dessen Aufenthaltsort anstellt, entschließt sich Abdul dann doch, Osama und Albert erneut an die schiitische „Bruderschaft“ auszuliefern, mit der er als Grabräuber Handel treibt.

Die Odyssee der beiden Entführten hat mit dieser Weitergabe jedoch noch immer nicht ihr Ende erreicht. Die ungewisse Irrfahrt beinhaltet eine erneute Übergabe, diesmal an eine Gruppe sunnitischer Islamisten, die von Abdul angeführt wird. Eine echte Überraschung – für den Hörer und die zwei Protagonisten. Abdul vermutet bei Osama und Albert eine gegen ihn gerichtete Agententätigkeit und hat sie deshalb holen lassen. Er rächt sich durch Folter an Osama auch gleich noch für längst vergangene Tage.

In dieser schrecklichen Situation des ausweglosen Gefangenseins kommt es dann auch zwischen Osama und Albert zu einem regelrechten Clash der Kulturen. Beiden bleibt nur noch der Rückbezug auf die Erinnerung an ihre Liebsten. Osama denkt an seine Mutter und seine schwangere Frau Randa (Marie Löcker), Albert holt sich das Bild seiner geliebten magersüchtigen Schwester Mila (Anne Müller) und seines immer noch über das Ende der DDR und der Sowjetunion verbitterten Vaters (Wolf-Dietrich Sprenger) vor Augen. Doch trotz der schmerzvollen Emotionen, die geweckt werden, bleibt immer ein Funken Hoffnung auf die Rettung der beiden. Fazit: So fesselnd wie „Der letzte Ort“ sollten mehr Hörspiele sein!

23.09.2015 – Rafik Will/MK

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