Serotonin: Die Van-Berg-Konstante. 3‑teiliges Hörspiel (WDR 3)

Kryonik, Klimawandel und „E.T.“

20.12.2018 •

20.12.2018 • Eingefroren und wieder aufgetaut werden im Alltagskontext in der Regel nur Lebensmittel. Im dreiteiligen Hörspiel „Die Van-Berg-Konstante“ vom Autorenduo Serotonin ist es hingegen ein Mensch. 130 Jahre liegen zwischen den schicksalshaften Veränderungen seines Aggregatszustandes, die beide Male durch Katastrophenereignisse gekennzeichnet sind.

Am Anfang steht ein kleines Unglück in Form einer verunglückten Ballonexpedition des deutschen Wissenschaftlers Van Berg, bei der er zu Kaisers Zeiten bewusstlos im kalten Spitzbergen abstürzt. Dieses Unglück selbst spielt im Hörspiel keine weitere Rolle und dient nur als Anker für die Handlung. Wichtiger ist für die Struktur des Stücks das zweite katastrophale Ereignis: das Schmelzen des „nicht mehr ganz so ewigen Eises“. Das allmähliche Auftauen des Permafrosts gibt nicht nur Van Bergs Körper frei und setzt damit den Startpunkt für die Entwicklung der Handlung, sondern es setzt mit Tropfgeräuschen und anderen radioaffinen Finessen auch die akustischen Endstücke an jede der drei Episoden und das ganze Stück.

Eine simple Story über die Missgeschicke eines lebendig gewordenen „Ötzis“ in der modernen Welt ist „Die Van-Berg-Konstante“ allerdings genauso wenig wie ein belehrendes Stück zur Energieeinsparung. Vielmehr wird im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen das aufmerksamkeitsökonomische Tohuwabohu rund um den Science-Fiction-artigen Sensationsfund näher analysiert und nebenbei der neueste Forschungsstand zum Thema Kryonik (der Kryokonservierung von Körpern) dargelegt.

Diese Vielschichtigkeit wird durch ein raffiniertes Spiel mit den Erzählerfiguren, durch eine Kommentarebene mit (vermutlich) echten Experten-O-Tönen und vor allem auch durch die knackig geschriebenen Figurendialoge des Stücks umgesetzt. Aus Van Bergs Mund selbst hört man dabei am Anfang des Stücks wenig. Er wird von zwei norwegischen Forschern, Einar und Bianca, gefunden und muss erst langsam auftauen.

Am Ende der ersten Episode (Titel: „Van Berg“) hat sich der vermeintliche Leichnam unter den Wärmelampen der Forschungsstation aber längst selbständig gemacht und mit Bianca angefreundet. Ihre Informationen zur offensichtlichen Länge seines Winterschlafs nimmt er recht wacker auf. Es kommt dafür aber zu einem Nervenzusammenbruch des ehemals Tiefgefrorenen, als seine ‘Retterin’ mit ihm den Film „E.T.“ schaut. Der Außerirdische auf der Flucht vor seinen Verfolgern dient Van Berg als Identifikationsfigur. Passenderweise taucht, kurz nachdem der Film angeschaut wurde, ein von der norwegischen Regierung entsandtes Einsatzkommando auf, um Van Berg unter Quarantäne zu stellen. In Episode 2 („Die Anderen“) sitzt er dann als Gefangener fest und spielt für die Handlung keine Rolle. In Episode 3 („Nach der Welle“), mittlerweile nach seiner Ausweisung nach Deutschland, wendet er sich noch einmal in einem Dankschreiben an Bianca und berichtet ihr von seinem erträglichen Dasein als Stilikone des Clubs „Van Berghain“.

Die eigentliche Handlung der Geschichte findet in Norwegen statt, wo sich die Mitarbeiter des Forschungsinstituts ihren beschlagnahmten Fund nachträglich medienwirksam zunutze machen wollen. Schauspielerisch wunderbar umgesetzt (unter anderem von Bernhard Schütz, Sinja Dieks, Oliver Brod, Leo Pfeiffer, Oliver Siebeck und Simone Kabst) sind die Intrigenspiele, der Karrierismus und die Eifersüchteleien der Figuren. Ein Social-Media-Beauftragter versucht, das Maximum an Followern und Likes aus dem Fund im „nicht mehr ganz so ewigen Eis“ herauszuholen und bündelt seine Beobachtungen in einem Thesenpapier namens „Die Van-Berg-Konstante“. Der Titel des Hörspiels passte damit hervorragend zum WDR-3-Hörspielschwerpunkt „Attention Please“ (26. bis 29. November), der sich dem Aufmerksamkeitsmanagement im digitalen Zeitalter widmete.

Entsprechend konsequent ist dann das eigentliche Thema des insgesamt rund 90-minütigen Hörspiels die absurde Aufmerksamkeitsverteilung in der heutigen Gesellschaft. Der quasi unbemerkt stattfindende Klimawandel als Symbol für die allmähliche Zerstörung der Lebensgrundlage des Menschen wird hier kontrastiert mit den vorangaloppierenden Bemühungen von teils zweifelhaften Forschern, das Lebensalter der Menschen in ungeahnte Höhen zu treiben. Die Absurdität liegt darin, dass ein deutlich längeres Leben ungeachtet etwaiger zukünftiger medizinischer Fortschritte nur in einer nicht völlig verwüsteten Welt möglich wäre. Die Tragik der Ignoranz gegenüber der Erderwärmung wird in dem sehr hörenswerten Stück von Serotonin so eindrucksvoll dargelegt wie nur selten.

20.12.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 12/2019

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