Satire auf höchstem Niveau: „Baader Panik“ von Oliver Kluck ist Hörspiel des Monats September

07.10.2019 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Baader Panik“ von Oliver Kluck zum Hörspiel des Monats September gewählt. Die Regie bei dem Stück führte Leonhard Koppelmann, die Komposition stammt von Zeitblom. Produziert wurde das 82-minütige Hörspiel vom SWR (Dramaturgie: Andrea Oetzmann).

Der in Berlin lebende freie Schriftsteller und Dramatiker Oliver Kluck, geboren 1980 in Bergen auf Rügen, sagt über seine Werke: „Meine Texte enthalten statt einer Lösung eine Mischung aus Unruhe, Unordnung und Unsicherheit.“ Kluck schrieb auch die ebenfalls vom SWR produzierten Hörspiele „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ (vgl. FK-Kritik) und „Die Froschfotzenlederfabrik“ (vgl. FK-Kritik).

Die Ursendung von „Baader Panik“ erfolgte am 29. September um 18.20 Uhr im Programm SWR 2. Mitwirkende Schauspieler in dem Stück, das „kurze Schlaglichter auf die deutsche Gegenwart und Vergangenheit wirft“ (SWR), sind unter anderem Jan Bluthardt, Gottfried Breitfuß, William Cohn, Wolfgang Pregler und Katharina-Marie Schubert. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«Was passiert eigentlich in Deutschlands ICE-Trieb-Köpfen? Müssen preiswürdige Hörspielmacher dort ihr Dasein fristen, um für außergewöhnliche Produktionen Stoff zu sammeln? Oliver Klucks „Baader Panik“ (SWR 2019) gibt die kompromisslose Antwort: Ja! Kluck, von der Erstausbildung Lokführer, provoziert und irritiert als Hörspiel- und Theatermacher: Wie die ICEs der Deutschen Bahn gefühlt niemals pünktlich sind, verweigert seine Hörgroteske jegliche rationale Einordnung. Er beschießt sprunghaft, situativ, improvisierend, respektlos und beißend sein einstiges Berufsfeld mit skurrilen Metaphern über die Dinge des außerfahrplanmäßigen Lebens, die den absurden Alltag sprichwörtlich auf das Abstellgleis rangieren und die Hörer aus der Bahn werfen – oder besser: aus der Lebensbahn provozieren!

Gestützt auf einen hohen Anteil an scharfer Satire bis hin zum Absurden, die auch vor Gerhart Hauptmanns tropfender Leiche nicht Halt macht, stehen in „Baader Panik“ keinerlei Signale auf Rot: Nein, freie Fahrt für die unflätige Humoreske bzw. den pubertären Humor. Dieses dreiste Spiel mit der Postdramatik überzeugt genauso wie die heillos verschachtelten Sätze, die etwa das logische Potenzial von Telefonansagen ad absurdum führen – Sequenzen zum Lachen oder zum Fürchten oder gar zum Spaßgruseln? Das Spiel mit den Metaebenen erinnert an das Warten im finsteren Bahntunnel – oder an Platons Höhlengleichnis, lange bevor die Selbstentfesselung beginnt.

Faktenwissen ist absolut überflüssig, die Sammlung hochamüsanter Fake-News schmeckt so süffig wie der überraschend köstliche Milchkaffee im Bordbistro bei leckeren 250 Stundenkilometern. Oliver Klucks „Baader Panik“ ist eine Satire auf höchstem Niveau, die Snobismus mit Borniertheitskritik paart und damit ein Symbol für die Verunsicherung der Postmoderne ist.»

07.10.2019 – MK