Ruth Johanna Benrath/Ulrike Haage: Sprache, mein Stern. Hölderlin hören (RBB Kultur / Bayern 2 / Deutschlandfunk Kultur)

Ein Lautgedicht ganz eigener Prägung

30.03.2020 •

Lauffen am Neckar war damals, als dort mit Friedrich Hölderlin einer der größten Poeten deutscher Sprache geboren wurde, ein unbedeutendes Städtchen. Es gab nicht viel außer ein paar Häusern, einer pietistischen Kirche und einem Klostergut, in dem Friedrichs Vater Verwalter war. Hölderlins Geburtstag jährte sich am 20. März 2020 zum 250. Mal. Damit geht sein Jubiläum dem des ungleich bekannteren und wirkmächtigeren Ludwig van Beethoven voran, der im Dezember 1770 in Bonn geboren wurde und dessen 250. Geburtstag schon seit Dezember vorigen Jahres im Rahmen eines „Beethoven-Jahres“ gefeiert wird.

Dass Hölderlins Leben früh schon Züge liebender Verzückung, aber auch des Wahns aufweist, trug dazu bei, ihn zu einem Mythos der europäischen Geistesgeschichte werden zu lassen. Die Bedeutsamkeit des 250er-Jubiläums nahmen drei öffentlich-rechtliche Sender zum Anlass, die Lyrikerin Ruth Johanna Benrath sowie die Pianistin und Komponistin Ulrike Haage mit einer Audioproduktion zu Hölderlin zu betrauen. Unter der Federführung des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) und in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) und Deutschlandfunk Kultur entstand eine Radiokomposition, die weit entfernt ist von den Parametern üblicher Hörspiele. Denn ein Hörspiel ist diese Arbeit ganz und gar nicht, selbst wenn man das mittlerweile etwas angestaubte Diktum vom doppelten Imperativ (Hör! Spiel!) bemühen wollte. 

„Sprache, mein Stern. Hölderlin hören“ lautet der Titel des Stücks und hier wird der gewagte Versuch gemacht, in Lyrik umgesetzte poetische Empfindungen einer zeitgenössischen Autorin mit Zeilen aus Gedichten von Hölderlin zu durchwirken, was mit dem Begriff Collage nur unzureichend beschrieben ist. Der Mutprobe hat sich die Lyrikerin Ruth Johanna Benrath unterzogen, die auch als Autorin von Radioproduktionen bekannt ist. Ihr letztes Audiowerk „GEH DICHT DICHTIG!“ (ORF/BR 2019) hat die promovierte Sprachwissenschaftlerin als lautpoetischen Hörspieldialog der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Gerstl gewidmet. Dieses Stück (vgl. MK-Kritik) wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum „Hörspiel des Jahres 2019“ gewählt. Komplizierte und vielschichtige Themen bilden also bei Benrath einen Schwerpunkt. Bemerkenswerterweise scheint sie keine Furcht vor den Olympiern zu haben – auch nicht vor so verspiegelt schreibenden wie eben diesem Hölderlin.

In der international versierten und sehr erfahrenen Ulrike Haage fand sich eine Komponistin quasi als Schwester im Geiste – auch wenn dieser Terminus etwas abgegriffen ist. Gemeint ist jedoch, dass die genrebedingt äußerst unterschiedliche Herangehensweise der Lyrikerin einerseits, der Pianistin, Literaturkennerin und Komponistin andererseits denselben Fokus haben. Kein breitwandiges Geburtstagsgemälde soll entstehen, sondern ein akustisch definiertes Klangbild. Das Himmelhochjauchzende und ebenso Zu-Tode-betrübt-Sein des Hölderlinschen Lebensweg sollen erfasst werden, Wahn und Genie als zwei Ausprägungen eines einzigartigen und universalen Geistes.

Hölderlins schmales und doch gigantisches Werk wird in dem 55‑minütigen Stück durch Zitate nachvollzogen. Vor allem betrifft das jene Gedichte, die mit Scardanelli gezeichnet sind. Verbürgt ist dabei, dass ein Student im Tübinger Stift dem damals 71‑jährigen Hölderlin einen Band Gedichte brachte. Hölderlin fristete seit bald 36 Jahren sein Leben in einem Turmzimmer im Hause des Schreinermeisters Ernst Zimmer in Tübingen. Eingewiesen wurde er durch den Arzt Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth.

36 lange Jahre, mehr als zwei Generationen, verkümmerte Hölderlin in dem Turm, in den nur gelegentlich jemand zu Besuch kam – etwa der Student Christoph Theodor Schwab, der ihm einen schmalen Gedichtband brachte. Ob die Gedichte von ihm seien? Hölderlin brach meist in Wutanfälle aus, wenn er nach seinen Werken befragt wurde. Hier aber sagte er (verbürgt): „Ja, die Gedichte sind echt, die sind von mir; aber der Name ist gefälscht; ich habe nie Hölderlin geheißen, sondern Scardanelli oder Scarivari oder Salvator Rosa oder so was.“ Zwischen 1838 und seinem Todesjahr 1843 setzte er den Namen Scardanelli unter seine Gedichte, von denen 27 erhalten sind.

Prismatische Brechungen, Wörter, Klänge, Versmaß und Reime bilden gleichsam den Bodensatz für die darüber schwebende Komposition, die auch kleinste Details einsetzt, um daraus Suggestivität und Subtilität zu destillieren. Ein Beispiel dafür ist das gesicherte Faktum, dass Hölderlin angewidert war von dem Gedanken, sich die Fingernägel schneiden zu sollen. Beim Klavierspiel – er improvisierte mit Leidenschaft – klapperten die Finger naturgemäß auf den Tasten. Um diese scheinbar unbedeutende, aber doch aussagekräftige Eigenart darzustellen, spielt Ulrike Haage die entsprechenden Passagen mit Fingerplektren. Ein Skelett scheint über die Tasten zu hüpfen wie in der zoologischen Phantasie des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921), dem „Karneval der Tiere“.

Auf quälende Kopfgeräusche verweist eines der Scardanelli-Gedichte: „…in meinem Schädel die Einsamkeit tobt die Verzweiflung in meinem Schädel die Angst tobt der Schrecken“. Diese Kopfgeräusche bildet die Komposition durch trockene Tannzapfen nach. Eine Melodica – ein Zwitterwesen aus Blas- und Tasteninstrument – greift die poetischen Kommentare und Meditationen der Autorin auf. Der klare, silbrig wirkende Sopran von Christina Andersson gibt dem Textgeflecht eine ätherische Melodik, die bei allem Wohllaut doch auch intellektuelle Klarheit besitzt – eine Eigenschaft dieser Sängerin und ihrer Stimme, mit der sie schon in der Hörspielproduktion „A Funeral March for the First Cosmonaut“ nach einem Text von Ethel Adnan in der Regie und Komposition von Ulrike Haage auf sich aufmerksam machte (vgl. MK-Kritik). Gerd Wamelings und Robert Stadlobers Interpretationen der Hölderlin-Texte geleiten die Hörer durch das Geflecht der Klänge.

Eine Produktion von solch künstlerischem Anspruch bedarf im Bereich der akustischen Kunst der Unterstützung durch Mitwirkende, die im Abspann meist nur unter der Rubrik „Ton“ genannt werden. So auch hier. Dabei kann man dem „Ton“-Verantwortlichen Peter Avar nur gratulieren zu dem Können und Feingefühl, mit dem er zahlreichen Produktionen mit zum Erfolg verholfen hat. Auch hier bildet er zusammen mit Ulrike Haage ein Tandem, wie man es sich gelungener kaum vorstellen kann. „Sprache, mein Stern“ ist ein Lautgedicht ganz eigener Prägung und eine Wiederbegegnung mit Friedrich Hölderlin auf ganz ungewöhnliche Art.

30.03.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK