Roland Schimmelpfennig: 100 Songs (SWR 2)

Zwischen Entertainment und Entsetzen

22.10.2018 • Was passiert, wenn niemand in all dem alltäglichen Leichtsinn weiß, dass gleich etwas Schreckliches passiert? Das Ende. Der Tod.

Roland Schimmelpfennigs neues Stück mit dem verführerischen Titel „100 Songs“ kreist um diesen Punkt des „no return“. Man nennt Schimmelpfennig bisweilen einen „postdramatischen Autor“. Doch dieser Begriff führt – wie Etiketten eben oft – an der Sache vorbei. Schimmelpfennigs Diktion macht den Eindruck, dass der dramatische Kern dem Autor durchaus wichtig ist, nicht aber die szenische oder dialogische Aufteilung nach herkömmlichem Muster. Eher orientiert er sich an den Möglichkeiten der Reportage und – in gewisser Weise – auch der Collage. Es gibt keinen Protagonisten. Der Autor bzw. als sein Statthalter der Regisseur sind die übergeordneten Leiter des Stücks. Nur diese Instanz kennt Ablauf und Ausgang, obwohl sie außerhalb der Handlung steht. Demzufolge werden die szenischen Angaben als Teil der dialogischen Struktur mitgesprochen.

Dass sich ein solcher Text als Hörspiel besonders eignet, muss nicht eigens betont werden. Da es jedoch leider längst üblich geworden ist, Bühnenstücke auch zeitgenössischer Autoren nach deren Theaterpremiere nachzuspielen (nicht ohne auch für diese Zweitverwertung ansehnliche Lizenzen zu bezahlen), ist hier ein für das Medium äußerst erfreulicher Fall eingetreten. Roland Schimmelpfennig hat die Rechte der Erstausstrahlung – das heißt also vor der für November 2018 vorgesehenen Uraufführung am Landestheater im schwedischen Örebro und der deutschen Erstaufführung im Sommer 2019 in Stuttgart – der Hörspielabteilung des Südwestrundfunks (SWR) übertragen. Die langjährige berufliche Verbindung zwischen dem Autor und dem vom Theater kommenden SWR-Chefdramaturgen Manfred Hess macht sich hier effektiv bemerkbar. Ein Paradebeispiel dafür, was eine dramaturgisch intensiv und gekonnt betriebene Autorenpflege für den Sender bewirken kann. Originalhörspiele – und als solches darf „100 Songs“ ohne weiteres beschrieben werden – sind ja auch die immer seltener werdenden Kandidaten für die erstrebenswerten Preise, die in diesem Bereich vergeben werden.

Nach diesen Rahmenbemerkungen nun zur ‘Handlung’ des 75-minütigen Stücks, die in der Ankündigung des SWR zu dem Stück mit diesen Sätzen sehr gut auf den Punkt gebracht ist. „Eine Gruppe von Männern, Frauen, Kindern: Sie alle sitzen um acht Uhr vierundfünfzig in einem abfahrenden Zug. Ohne zu wissen, dass dies die letzte Fahrt ihres Lebens sein wird. Weil der Zug wird um acht Uhr fünfundfünfzig explodieren wird. Wie kann das Unfassbare beschrieben werden? Oder geht in diesem Fall nur das Beschreiben der Minuten davor? Als alles noch gut und vielleicht nicht alles einfach, aber trotzdem möglich war. Als die Menschen im Zug noch ein Ziel hatten. Und vielleicht gerade ihr Lieblingslied hörten. Wie die Kellnerin Sally im Bahnhofscafé, die gerade „Bette Davis Eyes“ im Radio hörte? Und der vor Schreck die Tasse aus der Hand fiel, als das, was sie draußen sah, vor ihren Augen explodierte. Und war denn da wirklich keiner in der Nähe, der die Tasse und alles doch noch rechtzeitig hätte retten können?“

Man wird es nie erfahren. Weder geben die Songs aus der derzeit angesagten Musikszene Hinweise noch die Einsprengsel zu Sleipnir, dem achtbeinigen Pferd des nordischen Gottes Odin. Hinter dem Namen Sleipnir, der eigentlich aus der schwedischen Mythologie stammt, verbirgt sich allerdings hierzulande auch der Name der Band des rechtsradikalen Musikers Marco Barsch. Dessen Lieder, so hieß es schon 2006 in einer Veröffentlichung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, „hetzen in menschenverachtender Weise gegen Ausländer, indem er sie zu Parasiten herabwürdigt, die kein Recht hätten, in Deutschland zu leben“. Hier positioniert Schimmelpfennig sein Stück politisch unverkennbar gegen Rechts. Weg von der sonst im Stück dargestellten multiplen Alltäglichkeit erhält der Text dadurch zusätzlich Substanz und klare Kontur.

Als Regisseur hat Leonhard Koppelmann hier quasi mit der Kaltnadel gearbeitet. Diese Technik, von Rembrandt bis Picasso, Munch und Beckmann angewandt, gewährleistet – unter anderem – die Subtilität des Strichs (hier also der Inszenierung) bis zur Grenze der Unterscheidbarkeit. Zu dieser Stilistik gehört auch die Aufteilung der acht Mitwirkenden in vier Frauen- und vier Männerstimmen, von denen sich keine hervortut und auch nicht hervortun soll. Ein Oktett. Ensemble-Leistung vom Besten. Auch das bemerkenswert. Und alles in allem ein Spiegel des Lebens von heute, eine synchrone Momentaufnahme von Entertainment und Entsetzen.

22.10.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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