Robert Weber: Golgatha. 8‑teilige Hörspielserie (WDR 3)

Die andere Geschichte

30.10.2021 •

Das Anerzählen gegen den Tod als ultimative Überhöhung der Macht der Dichtung fand mit der Nacht für Nacht durch Cliffhanger-Geschichten ihre Ermordung aufschiebenden Scheherazade die wohl ergreifendste (und bis ins Serienzeitalter vorausdeutende) Formulierung. Dass aber auch das Gegenteil, das Erzählen als Flucht vor einem nicht enden wollenden Leben, eine abendländische Poetik des Todestriebs sozusagen, eine kaum weniger aparte Konstellation bildet, führt uns jetzt der in vielteiligen Großhörspielen erfahrene Autor Robert Weber – „Vom Vergessen der Zeit“ (2007), „Die Infektion“ (2010/14/16), „Kilroy was here“ (2016/17), „Des Teufels langer Atem“ (2018) – mit seinem frech die Geschichtsbücher umschreibenden Achtteiler „Golgatha“ vor. Es handelt sich um eine Münchhauseniade mit der Spannung eines Thrillers und voller spektakulärer Cliffhanger. Dabei gelingt Weber das Kunststück, die große Frage nach der Fabrikation der Erinnerung in allen Farben schillern zu lassen, ohne sich im dornigen Gestrüpp von Diskurstheorien zu verfangen: Federleicht wirkt das Stück, ein fliegender Geschichtenteppich, gewoben aus unzähligen „counter narratives“.

Die Ausgangslage ist so einfach und damit so stark wie der Rahmen-Plot von „Tausendundeine Nacht“. Marcus Tertius Longinus (Fabian Hinrichs) wird nach einem knapp und überraschend überlebten Suizidversuch in die Uniklinik Köln eingeliefert, wo sich die Psychologin Dr. Adler (Laura Tonke) seiner annimmt. Auf ihre hilflos wirkenden Etiketten wie „schizophrene Psychose“ oder „Depression“ verzichtet die Ärztin in dem Maße, wie sie zur interessierten Zuhörerin wird: Laura Tonke weiß diese schwebende Attitüde und Zugewandtheit perfekt auszudrücken. Natürlich hält sie ihren Patienten für verrückt, aber ein Rest von Verunsicherung bleibt – und dieser Rest wächst.

Longinus wiederum tut kund, unsterblich zu sein, weil es, wie überliefert, seine Lanze war, die in Golgatha auf Geheiß des Centurios den Leib des Nazareners durchbohrt habe. Vom keineswegs rachsuchtfreien Heiland sei er dafür mit dem Fluch ewigen Lebens belegt worden (was nicht ganz im Einklang mit der christlichen Tradition steht, die Longinus als Märtyrer kennt). Die Sitzungen bei Dr. Adler, die der Patient respektive Dichter stets mit einem Ausblick auf das nächste von ihm persönlich beeinflusste historische Ereignis beendet, sind ein Ritt durch zweitausend Jahre umkämpfte Weltgeschichte, der nicht zufällig mit dem Gottesmord beginnt, also gleich assoziativ den christlichen Antijudaismus (bis hin zum Holocaust) ins Spiel bringt.

Die Hauptrolle mit Fabian Hinrichs besetzt zu haben, ist ein Glücksgriff dieser Produktion in der Regie von Annette Kurth (Dramaturgie: Natalie Szallies), zählt es doch zu den Markenzeichen dieses Schauspielers, seinen Charakteren eine gewisse poetische Freiheit zuzugestehen, eine charmante Ungreifbarkeit, die ihn auch als Kommissar im Franken-„Tatort“ (ARD/BR) so interessant macht. Im besten Sinne unaufdringlich berichtet er nun in den acht 30-minütigen Folgen der Hörspielserie „Golgatha“ von unglaublichen Begebenheiten. An den Kreuzzügen nämlich hat Longinus nach eigener Aussage teilgenommen, das Schiff des Kolumbus auf Kurs nach Amerika gelenkt, für das Lächeln der Mona Lisa Modell gestanden, mit Napoleon eine Armee in Russland verloren, beide Kennedy-Brüder erschossen (Rache für Marilyn), als Mossad-Agent den Terroristen Wadi Haddad vergiftet und ganz nebenbei, eingegraben in den Wüstensand, also quasi als „Talking Head“, hat er auch den Islam erfunden (die Bibel war auserzählt, die Hörer aber wollten mehr; der Rest war Sonnenstich). Dialogische Spielszenen erwecken diese sympathischen Hochstapeleien zum Leben.

Es könnte sich nun zunächst das Gefühl einstellen, irgendwo zwischen der ZDF-Comedy „Sketch History“ und der Kino-Klamotte „Die Einsteiger“ mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger gelandet zu sein, zumal Humor und Überraschungsmomente für Robert Weber wichtig sind (sogar Metahumor, wenn Laura Tonke alias Dr. Adler gefragt wird, ob sie sich mit Filmen auskenne: „Mmh, nicht besonders“). Doch schnell zeigt sich, wie tief die Erzählungen in die Materie eintauchen und wie gezielt sie an unseren Denkmälern rütteln: Goethe ist ein ideenloser Babbler, der einzig das „Heidenröslein“ selbst gedichtet hat, Luther ist ein versoffener Antisemit und Papist, dem Longinus genervt die 95 Thesen diktiert, und Freud begegnet uns als koksender Jammerlappen, der hier therapiert wird. Das alles erinnert dann schon eher an den soeben erschienenen Tausendseiter „Matou“ von Michael Köhlmeier. Ein Kater stiefelt darin durch ein Vierteljahrtausend europäischer Geschichte. Doch zeigt sich das Hörspiel nicht nur weniger verkopft, sondern auch deutlich weniger bildungsbürgerlich verschnurrt als dieser Roman.

Eine wichtige Regie-Entscheidung besteht darin, zentrale Aussagen durch Experten stützen zu lassen, etwa den Theologen Martin Ebner, der davon spricht, dass bereits die Evangelien propagandistisch tätig wurden und „Jesus zu rekonstruieren“ versuchten. Just mit diesen fast immer Fernsehbeiträgen entnommenen (Schein-)Legitimierungen der gern gegen die kanonische Überlieferung gebürsteten Sternstunden der Menschheit verliert das Erzählte jedoch seine Unschuld, denn oftmals sind es abseitig reißerische Gegennarrative und Verschwörungstheorien, denen Longinus’ Darstellung folgt: von der gefälschten Mondlandung über die bewusst versenkte „Titanic“, die gelungene Flucht Adolf Hitlers (Longinus stellt sich als Leichendouble zur Verfügung, macht dann aber kurzen Prozess) oder die ermordeten RAF-Häftlinge bis zum Inside-Job von Nine-Eleven. Als einer der Quellen nennt Weber hier auch „Russia Today“: So abstrus die meisten Alternativerzählungen anmuten, sie sind unserer Gegenwart nicht sehr fern.

„Ich bin Geschichte“, sagt der dann doch recht moralische Protagonist einmal. Und tatsächlich ließe sich diese Figur treffend als Personifikation der Historie selbst interpretieren, als reine Allegorie (unsterblich und stets zufällig am Ort des Geschehens). Aber den Clou dieses Hörspiels begreift man erst, wenn man die subversive Agenda dieses Helden hinzunimmt: Er will nicht bloß zeigen, dass auch Klio dichtet oder Sieger die Geschichte schreiben – das mehrfache Zitieren von Napoleons Wort, Geschichte sei nur die Lüge, auf die man sich geeinigt habe, wirkt da fast zu deutlich –, sondern er führt spielerisch vor, wie schmal der Grat zwischen der Einsicht in die Bedingtheit aller historischen Erkenntnis (Wahrheiten sind Narrationen) und der blindwütigen, von neuen Interessen befeuerten Überschreibung dieses Feldes ist, eine Fake History. Die alternative Geschichte.

Marcus Tertius Longinus mag uns noch gewogen sein, doch die nächsten Verfluchten könnten ebenso gut eine Vergangenheit fabrizieren, in der die Welt, die wir kennen, gar nicht mehr vorkommt. Solche Überlegungen über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn mit einem packend und kurzweilig erzählten Hördrama anzustoßen, ist beachtlich. (Die Hörspielserie „Golgatha“ ist im Online-Angebot des WDR weiterhin zum Nachhören abrufbar.)

30.10.2021 – Oliver Jungen/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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