Rebekka David: Franz Kafka – Der Bau (Deutschlandfunk) 
Dennis Metaxas: Nach Venus Liebe Terror (Deutschlandfunk)

Win-win-win-Situation

22.07.2018 • Wie gewinnt man Nachwuchs für die Radiokunst? So zum Beispiel: Seit einigen Jahren besteht eine Kooperation zwischen der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ (HfS) und der Hörspielredaktion des Deutschlandfunks (DLF). Sie bietet Studenten des Regie-Seminars der HfS die Möglichkeit zum Hörspieldebüt. Betreut wird das Projekt von der früheren DLF-Hörspielchefin Elisabeth Panknin als Mentorin. Mancher der neuen Hörspielautoren und -regisseure bleibt danach dem Medium verpflichtet und entwickelt sich dabei vielleicht sogar zum erfolgreichen Trendsetter. Wie der in Berlin lebende Noam Brusilovsky, auf dessen Erstling „Woran man einen Juden erkennen kann“ (DLF/HfS; vgl. MK-Kritik) die Inszenierung von Tomer Gardis Roman „Broken German“ (SWR; vgl. MK-Kritik) und erst vor kurzem das gemeinsam mit Ofer Waldman gestaltete Hörspiel-Serial „We love Israel“ (SWR; vgl. MK-Kritik) folgten – die letzteren beiden preisgekrönt.

Der neue Jahrgang dieser Kooperation bietet gleich zwei Neuproduktionen. Zum einen das rund eine Dreiviertelstunde dauernde Erzählhörspiel „Franz Kafka – Der Bau“ von Rebekka David und zum anderen das kleine Wortkaskadenungetüm „Nach Venus Liebe Terror“ von Dennis Metaxas mit einer Laufzeit von knapp 25 Minuten. Die zwei Hörspiele wurden am 23. Juni ab 20.10 Uhr direkt hintereinander im Programm des Deutschlandfunks ausgestrahlt.

Beim längeren der beiden Stücke handelt es sich in der Hauptsache um die Inszenierung einer 1923/24 entstandenen, unvollendeten Erzählung von Franz Kafka (1883 bis 1924). „Der Bau“ ist ein Monolog, in dem ein unterirdisch lebendes Wesen vom durchdachten und komplexen Aufbau seiner versteckten Wohnstätte berichtet. In seiner Ruhe wird der Ich-Erzähler (in Rebekka Davids Hörspiel gesprochen von Bernardo Arias Porras) eines Tages gestört, als im Bau selbst ein nicht genau zu definierendes und nicht zu verortendes Zischen auftaucht, das nicht mehr abklingen will.

Die Innenansicht der Psyche dieser Hauptfigur ist sehr fesselnd gestaltet. Man wird richtig hineingezogen in die Beschreibung des ununterbrochen mit Ausbesserungen, Erweiterungen und dem Anlegen von Vorräten beschäftigten (vermutlich tierischen) Baumeisters, der unter der Moosdecke, im geräumigen System aus Tunneln und Höhlen auf die Geräusche des als feindlich empfundenen Außen lauscht. Aus dieser ängstlichen Grundhaltung heraus sorgt das neuartige Zischen im geschützt geglaubten Bau für einen psychotischen Schub bei dem in kompletter Dunkelheit lebenden Wesen.

Am faszinierendsten ist an Rebekka Davids Arbeit, dass es ihr gelingt, sowohl eine Distanz zur Haltung des Erzählers zu vermitteln, als auch zur Empathie für ihn zu animieren. So wirkt die Geschichte stellenweise wie der befremdliche Erlebnisbericht eines durchgeknallten „Preppers“, der sich auf die Zombie-Apokalypse vorbereitet – stellenweise aber auch wie die Stimme gewordene Verzweiflung eines Tieres, das durch menschliche Bauarbeiten in seinem alltäglichen Dasein gestört wird. Gegen Ende resigniert das Wesen, denn die Klangquelle bleibt unbestimmt. So macht sich das erzählende Wesen schließlich daran, wenigstens die eigenen Vorräte zu genießen.

Gegengeschnitten werden die aus Franz Kafkas Erzählung stammenden Passagen mit Tagebucheinträgen und Briefen des Autors (gesprochen von Jenny König). Sie sind sorgfältig ausgewählt und die Selbstbeschreibungen der psychischen Verfassung Kafkas fügen sich nahtlos in die Geschichte vom sich im Bau verbarrikadierenden Geschöpf. Es ist eine wundervoll inszenierte Radioarbeit, die auch einen Kommentar zum heutigen Grenzverteidigungswahn abzugeben scheint.

Ein wenig verwirrender und unübersichtlicher sind hingegen unter Aspekten des Geschichtenerzählens die „Wortkaskaden“, die Dennis Metaxas für sein Stück „Nach Venus Liebe Terror“ geschrieben, eingesprochen und arrangiert hat. Worum es geht, weiß man nicht mehr so recht, sobald man sich inmitten der wie aus einem Springbrunnen hervorsprudelnden Wörter, Halbsätze und größenwahnsinnigen Monologe wiederfindet. Mit Wortwiederholungen wie „Rhabarberschorle“ und „Verrat heilig“, kurzen Passagen auf Griechisch, einer weiblichen Computerstimme im Flugzeug (die mit schwarzem Humor die Passagiere eines abstürzenden Flugzeugs, nun ja, aufmuntert) und zahlreichen Musikschnipseln bauen sich kunterbunte Assoziationsketten beim Hören auf. Dabei werden die Themenfelder Gewalt, Tod und Krieg abgearbeitet – es geht auch um Venus und Liebe, worauf Metaxas dann Terror folgen lässt.

Bei der Kooperation zwischen dem Deutschlandfunk und der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ handelt es sich deswegen um so ein wichtiges und einzigartiges Projekt, weil man nur hier die Gelegenheit hat, Hörspiele zu hören, die frische Ideen aus der Hochschule quasi direkt in den Äther schicken und die außerhalb eingefahrener Produktionsstrukturen im Rahmen einer Hörspielwerkstatt entstanden sind. Es ist sozusagen eine Win-win-win-Situation: für die Autoren/Regisseure, die Hörer und die Hörspielredaktionen. Es wäre schön, wenn weitere öffentlich-rechtliche Sender diesem Vorbild folgen würden. (Die beiden Produktionen „Franz Kafka – Der Bau“ und „Nach Venus Liebe Terror“ sind weiterhin im Internet-Angebot des Deutschlandfunks abrufbar.)

22.07.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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