Raus aus dem Nischendasein: Studie zeigt Szenarien für eine forcierte Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks

28.05.2015 •

Von Volker Nünning

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur will sich dafür einsetzen, dass im Hörfunk der Umstieg von UKW auf digitale Verbreitungstechniken gelingt. „Der analoge Hörfunk ist ausgereizt. Er kann die Herausforderungen der Zukunft nicht meistern“, sagte Mitte April Dorothee Bär (CSU), parlamentarische Staatssekretärin des Ministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Die 37-Jährige Politikerin äußerte sich bei einer Fachveranstaltung des Ministeriums in Berlin, wo eine Studie zur Zukunft des terrestrischen Hörfunks in Deutschland vorgestellt wurde. Bärs zentrale Aussagen machte das Ministerium in seinem Internet-Auftritt öffentlich.

Nach Auffassung von Dorothee Bär muss es bei dem Umstiegsprozess im Hörfunk darum gehen, die Stärken von Mobilfunk und Rundfunk miteinander zu verknüpfen. Die Staatssekretärin kündigte in Berlin an, das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur werde ein „Digitalradio-Board“ initiieren; in diesem Rahmen sollten alle Beteiligten die Umstellung gemeinsam gestalten. Zusammen mit den Bundesländern werde ihr Ministerium im Juni „mit hochrangigen Vertretern“ der Marktbeteiligten, einschließlich der Automobilindustrie, ein erstes Treffen des Gremiums durchführen, erläuterte Bär. Ziel des Boards sei es, „eine Roadmap zum Übergang von UKW auf Digitalradio zu fixieren“. Damit will das Ministerium nun den Umstiegsprozess forciert vorantreiben.

Digitalradio-Board und Roadmap

Hierzulande spielt insbesondere der digital-terrestrische Hörfunk bislang keine große Rolle. Er fristet praktisch ein Nischendasein. Laut dem Digitalisierungsbericht 2014 der Landesmedienanstalten empfangen nur 7,7 Prozent der hiesigen Bevölkerung ab 14 Jahren Hörfunkprogramme über ein Digitalradiogerät. Seit dem 1. August 2011 ist der DAB-Nachfolgestandard DAB plus in Betrieb (vgl. FK 29/11). Über einen bundesweiten Multiplex sind seither 13 öffentlich-rechtliche und private Programme digital-terrestrisch zu empfangen. Hinzu kommen in den einzelnen Bundesländern weitere Sender, die über regionale DAB-plus-Multiplexe verbreitet werden. In München beispielsweise sind derzeit insgesamt knapp 50 Programme digital über Antenne zu hören, in Hamburg dagegen nur 20.

Größenteils handelt es sich bei den über DAB plus verbreiteten Programmen um Sender, die auch über UKW ausgestrahlt werden – was den Anreiz für die Bürger nicht steigert, sich ein DAB-plus-Gerät zu kaufen, auch wenn die Tonqualität über den Digitaltechnik besser ist und überdies Zusatzdienste nutzbar sind (etwa geschriebene Nachrichten im Display und detailliertere Verkehrsinformationen). UKW hat in Deutschland laut dem Digitalisierungsbericht 2014, der im September vorigen Jahres veröffentlicht worden war (vgl. FK 41/14), eine Marktdurchdringung von 93,6 Prozent bei den Menschen über 14 Jahren. Auf jeweils rund 15 Prozent kommen die Übertragungswege Kabel bzw. Satellit. Via Internet hören 30 Prozent Radio (insgesamt liegt der prozentuale Anteil über 100 Prozent, da es Haushalte gibt, die Radio über mehrere Verbreitungswege empfangen).

Dass es bei DAB plus in Deutschland bislang keinen „Durchbruch“ gegeben hat, wird auch in der am 16. April in Berlin präsentierten Studie „Terrestrischer Hörfunk: Zukünftige Entwicklung im Hinblick konkurrierender Übertragungswege“ bestätigt. Gründe dafür seien der mangelnde Bekanntheitsgrad von DAB plus, dessen noch zu geringe technische Reichweite (etwa in ländlichen Regionen) und der Umstand, dass über DAB plus größtenteils ohnehin dieselben Programme zu hören sind wie über UKW. Die Untersuchung hatte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, das vom CSU-Politiker Alexander Dobrindt geleitet wird, in Auftrag gegeben. Erstellt hat die 130-seitige Studie das in München angesiedelte Institut für Rundfunktechnik (IRT), dessen Gesellschafter die ARD-Anstalten, das ZDF, das Deutschlandradio sowie der ORF (Österreich) und die SRG (Schweiz) sind. Rechtliche Aspekte in Sachen Hörfunkdigitalisierung lieferte für die Untersuchung das Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) in Saarbrücken hinzu.

UKW technisch ausgereizt

Das IRT beschreibt in seiner Studie, die auf der Internet-Seite des Dobrindt-Ministeriums abrufbar ist, drei Szenarien bezüglich einer Digitalisierung des Hörfunks, ohne sich dabei konkret für eines auszusprechen. Beim ersten, das dem derzeitigen Stand entspricht, würde der Umstieg allein von den Marktteilnehmern betrieben; regulatorische Eingriffe durch die Politik blieben aus. Die Umstellung auf DAB plus wäre dabei nur zu erreichen, wenn sich alle Marktbeteiligten auf ein konzertiertes Vorgehen einigten.

Beim zweiten Szenario würde die Politik (mit Bund und Ländern als Agierenden) zügig einen konkreten Maßnahmen- und Zeitplan zur vollständigen Hörfunkdigitalisierung festlegen. Einbezogen würden dabei die „relevanten Interessensgruppen“. Für diese Variante listet das IRT mögliche einzuleitende Maßnahmen auf und skizziert die Auswirkungen auf die Marktteilnehmer. Hier bringt das Institut auch ein mit dem EU-Recht zu vereinbarendes Förderprogramm für die Privatsender ins Spiel, damit diese die Zusatzkosten für einen zeitweisen Parallelbetrieb von DAB plus und UKW besser schultern können. Beim dritten Szenario würde eine regulierungsinitiierte Digitalisierung erst später in Angriff genommen, da aus Sicht der Politik die nötigen Rahmenbedingungen für einen Umstieg aktuell noch nicht vorlägen.

Das IRT bezeichnet Deutschland als „stabilen UKW-Radiomarkt“. Kennzeichnend sei, dass neue Anbieter mangels zusätzlicher Frequenzen „kaum eine Chance haben, in diesen analogen Markt einzutreten“. Die heutigen Hörfunkanbieter hätten oftmals wenig Interesse, auf eine neue digitale Technik zu setzen, die zunächst Mehrkosten verursache und zusätzliche Konkurrenz entstehen lasse (über DAB plus können pro Standort mehr Programme verbreitet werden als über UKW). Gerade für die Privatsender ist die Ultrakurzwelle von großer (wirtschaftlicher) Bedeutung. Für das IRT ist UKW allerdings „ein technisch ausgereizter Verbreitungsweg“. Er biete „wenig bis gar keine Möglichkeiten, an der digital vernetzten Welt teilzunehmen“.

IRT: Die Vorteile von DAB plus

DAB plus sei, so heißt es in der Studie, die Technik, die „am besten für eine zukünftige digitale Hörfunkversorgung geeignet“ sei. Sie biete eine verbesserte Tonqualität, mehr Programmvielfalt, Zusatzdienste und sie ermögliche eine Vernetzung in der digitalen Welt. Bei DAB plus werde – wie auch bei UKW – der Programmempfang nicht von der Anzahl der gleichzeitigen Hörer beeinflusst, im Gegensatz zur Radioübertragung über den Mobilfunk. Zudem seien die Kosten, um ein Programm über DAB plus zu verbreiten, deutlicher geringer als bei UKW. Die derzeitige Situation mit dem parallelen Betrieb von zwei Infrastrukturen – DAB plus und UKW – sei jedenfalls aus ökonomischen Gründen auf Dauer nicht tragfähig, heißt es der Studie. Aus Sicht des IRT bietet DAB plus als Basis und dann in Kombination mit Internet-Inhalten „ein enormes Potenzial für neuartige Vermarktungs- und Dienstekonzepte“.

Das Szenario, in dem die Politik den Umstieg durch regulatorische Eingriffe steuert, dürfte vom Deutschlandradio begrüßt werden. Dessen Intendant Will Steul plädiert seit langem eindringlich für DAB plus und fordert die Politik regelmäßig auf, einen Zeitpunkt festzulegen, an dem UKW abgeschaltet wird. Die ARD will auf DAB plus und zugleich auch auf das Internet setzen, um die Digitalisierung der Hörfunkübertragung voranzubringen (Hybrid-Strategie). „Die Weichen für die digitale Zukunft des terrestrischen Rundfunks jetzt zu stellen, kann nur in breitem Konsens gelingen“, erklärte MDR-Intendantin Karola Wille am 22. April. Wille ist innerhalb des ARD-Intendantenkreises für das Thema zuständig. Um den Anforderungen, die intelligente Verkehrssicherheitssysteme künftig stellten, gerecht werden zu können, „geht an DAB plus kein Weg vorbei“, so Wille. Unter ihrem Vorsitz gibt es nun eine ARD-Lenkungsgruppe Digitalradio und eine unterstützend tätige Arbeitsgruppe, die beim MDR angesiedelt ist.

28.05.2015 – MK