Rainer Römer: Der Mann in der Menge. Hörspiel unter Verwendung von Edgar Allan Poes Erzählung „The Man of the Crowd“ und von Charles Baudelaires Gedicht „À une passante“ (SWR 2)

Bilingual emotional

15.07.2016 •

Nach dem Großprojekt „Manhattan Transfer“ (vgl. MK-Artikel) stellte Rainer Römers Hörspiel „Der Mann in der Menge“ die zweite Ursendung dar, die im Rahmen des Themenschwerpunkts „Spiegel der Stadt“ bei SWR 2 lief. Auch bei diesem Stück handelt es sich um eine Koproduktion, allerdings nicht mit einer anderen Rundfunkanstalt, sondern mit der Popakademie Baden-Württemberg; bei „Manhattan Transfer“ war der Deutschlandfunk Partner des SWR. Und die musikalische Ebene spielt ebenfalls wieder eine tragende Rolle. Zeichnete bei „Manhattan Transfer“ mit Hermann Kretzschmar ein Mitglied des ‘Ensemble Modern’ als Co-Bearbeiter und Komponist verantwortlich, so steht Rainer Römer, ebenfalls Mitglied beim ‘Ensemble Modern’, für die Komposition und auch für die Realisation des Hörspiels „Der Mann in der Menge“.

Dabei ist Römer zwar der Autor dieses Hörspiels, aber er ist gewissermaßen nicht dessen Alleinautor. Denn als ausschließliche Textgrundlage für seine Arbeit dienten dem 1956 in Würzburg geborenen Römer, Professor für Schlagzeug an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, zum einen Edgar Allan Poes gleichnamige Erzählung von 1840 (englischer Originaltitel: „The Man of the Crowd“) und zum anderen Charles Baudelaires Gedicht „À une passante“ von 1855. Dem entsprechend weist beim Hörstück ein längerer Titelzusatz darauf hin.

In Poes Kurzgeschichte, die im Verlauf eines Tages spielt, folgt man einem namenlosen Erzähler durch die Straßen Londons. Zu Beginn der Story (Übersetzung aus dem Englischen: Hans Wollschläger) sitzt die Erzählerfigur allerdings in einem Café und frönt nach der Genesung von einer längeren Krankheit mit einer zerlesenen Zeitung auf dem Schoß dem Nichtstun. Das statische, wenig lebhafte Bild, das sich dem Erzähler im Inneren des Kaffeehauses darbietet, vermag seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln. So blickt er durch das Fenster auf das nachmittägliche Treiben der vorüberziehenden Menschenmassen. Unmittelbar beginnt er mit einer Kategorisierung nach den äußerlichen Merkmalen der Leute, ordnet ein, wer zu welcher sozialen Klasse gehört, wer wohl ein Gauner ist und wer nicht. Auch mit krassen moralischen Wertungen hält er dabei nicht hinterm Berg. Ein alter Mann mit sonderbarem, nie zuvor gesehenem Gesichtsausdruck fällt dem Erzähler bei Hereinbrechen der Nacht im Schimmer der Gaslaternen besonders auf und löst bei ihm eine zielgerichtete Handlung aus: Dem rastlosen alten Mann, der ein Geheimnis mit sich herumzutragen scheint, wird er eine ganze Nacht und einen ganzen Tag hindurch folgen.

Wie ein Stalker heftet er sich an die Fersen des Fremden und begibt sich durch seine beinahe zwanghafte ‘Verfolgungsjagd’ zu Fuß selbst an den Abgrund jenes Wahnsinns, den er bei seinem Zielobjekt zu erkennen glaubt. Am Ende muss er sein Ziel, hier ein Geheimnis zu ergründen, jedoch ohne Ergebnis abbrechen, da der alte Mann einfach nicht des Umherstreifens müde wird und nicht einmal auf eine direkte Ansprache durch den Erzähler reagiert. Poe bietet in dieser Erzählung ohne Nennung konkreter Orte ein kurzweiliges Porträt vom London zu Beginn der Industrialisierung. Die Schilderung der Großstadt als Sündenpfuhl ist dabei durchaus mit einem Augenzwinkern zu sehen, betrachtet man die moralische Hochnäsigkeit und das unter Aspekten der heutigen Stalking-Gesetzgebung fast schon kriminelle Verhalten des Erzählers.

Umgesetzt wird die Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe in dem Hörstück als außergewöhnlich gelungene bilinguale Lesung, die ein emotionales Mitgehen mit dem Text beinhaltet. Deutsch und Englisch sind die durchgehenden Sprachen hier (ganz am Rande und ganz kurz ist auch Französisch zu hören). Vor allem wie sich Sylvester Groth, der den deutschen Part liest, angesichts der Lasterhaftigkeit des Straßentreibens in Rage redet, ist sehr überzeugend. Durchgängig entspannt ist hingegen bei der englischen Rolle die sonorige Stimme von Graham Valentine. Für die musikalische Lockerung der stark narrativ geprägten Produktion (Dramaturgie: Manfred Hess/SWR) sorgen ein Streichertrio mit Giorgos Panagiotidis (Violine), Megumi Kasakawa (Bratsche) und Michael M. Kasper (Cello), die Sängerin Novaa (Antonia Rug) und elektronische Elemente (beigesteuert von Elias Förster). Novaa vertont Baudelaires Sonett in englischer Sprache.

Baudelaire hatte den Aspekt des Flanierens aus Poes Geschichte aufgenommen. Den Flaneur etablierte er selbst begeistert als literarische Figur in seinem Werk. Auch im Gedicht „À une passante“ (ins Deutsche übersetzt von Friedhelm Kemp und William Eggler) könnte das lyrische Ich ein solcher Flaneur sein. Es richtet sich verzehrend an eine Frau in der Menge, die vorübergezogen und auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Novaa interpretiert den kurzen lyrischen Text hochoktavig, übermäßig ätherisch und quasi engelsgleich. Damit nimmt sie stimmlich jedoch nicht die Perspektive des lyrischen Ichs ein, sondern die der bedichteten Passantin, was nicht so recht zum Inhalt des Gedichts passt. Zudem singt sie einmal von einer „glitzering hand“ anstelle von „glittering hand“ – ein wenn auch nur kleiner Fehler, der bei der Produktion hätte behoben werden können.

Alles in allem jedoch gelingt in dem rund 50-minütigen Hörspiel „Der Mann in der Menge“ durch die abwechslungsreiche Mischung der beschriebenen Elemente eine moderne Wiederbelebung der Erzählung von Edgar Allan Poe, die voller Zeitkolorit steckt und sich auf abstrakte Weise mit dem Moloch Großstadt beschäftigt.

15.07.2016 – Rafik Will/MK

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