Rafael Jové: Die heile Welt des Verbrechens – Stephan Derrick und die BRD. Feature (RBB Kulturradio)

Die Essenz aller Derrickhaftigkeit

21.09.2018 • Es gibt kulturelle Phänomene, die man nur vom Wegsehen kennt und die sich trotzdem in das kollektive Gedächtnis gebohrt haben. Ein solches Phänomen ist die erfolgreichste deutsche Fernsehserie, die in mehr als 100 Länder verkauft worden ist und seitdem das Bild des korrekten Ermittlers auch im Ausland geprägt hat. Als der Hörspiel- und Feature-Autor Rafael Jové 1977 geboren wurde, war die Krimiserie „Derrick“ mit Horst Tappert in der Titelrolle als Stephan Derrick schon drei Jahre auf Sendung. Von 1974 bis 1998 hat Drehbuchautor Herbert Reinecker insgesamt 281 Episoden für das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) geschrieben.

Früher hatte auch Rafael Jové da weggesehen. Als Kind, weil er sich vor Leichen, Blut und Verstümmelung fürchtete; als Jugendlicher, weil er sich dem seiner Einschätzung nach biederen deutschen Fernsehschrott intellektuell überlegen fühlte. Heute, also 20 Jahre nachdem die letzte „Derrick“-Folge ausgestrahlt wurde (vgl. FK 43/98), fragt sich Rafael Jové in seinem Radiofeature „Die heile Welt des Verbrechens – Stephan Derrick und die BRD“, warum man sich denn jetzt mit etwas beschäftigen sollte, was man damals so sehr gemieden hat.

Die Antworten, die er sich in seinem Stück gibt, das er auch selbst inszeniert hat und in dem er sich selbst spricht, sind die naheliegenden: Es geht um die Serie als zeithistorisches Dokument und um die Patina, die die Bilder und Requisiten angesetzt haben. Es geht um die, so Jové, „David-Lynch-hafte Beklemmung“, die die späten „Derrick“-Folgen ausstrahlen, es geht um die Serie als Symbol für die alte Bundesrepublik und nicht zuletzt geht es um Fremdschämen und Konträrfaszination.

Als Experten hat Jové sich den 1969 geborenen Filmwissenschaftler Simon Frisch an die Seite geholt, der „Derrick“ auch nur vom Wegsehen kannte, dafür aber heute einen genauen Blick für die formale Bildsprache hat. Die Bildsprache der Serie sei, so Frisch, in einer Theatertradition des 19. Jahrhunderts verwurzelt, in der Dialoge nicht zwischen den Figuren, sondern für das Publikum stattfanden. Wenn Horst Tappert einmal laut werde, dann nicht in erster Linie aus inhaltlichen Gründen, sondern wenn seine Stimme das entfernt stehende Aufnahmemikrofon erreichen müsse. Wenn in den „Derrick“-Folgen maskenhaft agierende Fernsehschauspieler in Szenenbildern wie aus dem Möbelhaus in aneinandergereihten Innenaufnahmen aus bunkerartigen Villen aufeinanderträfen, dann habe das stellenweise Qualitäten, die der Autorenfilm nicht besser hätte erzielen können, so Frisch.

Doch der interpretatorische Sprung vom Theater des 19. Jahrhunderts direkt zum „entpsychologisierten Satzaufsagen-Theater“ eines Bert Brecht gelingt in der legendären ZDF-Serie nicht ganz. Vor allem weil es nicht einmal bei gutwilligster Rückschau gelingen will, steif vorgetragenes Kleinholz als bedeutungsvolle Sätze aufzufassen. Es bleibt unfreiwillige Komik. Jové fasst das prägnant in einem Satz zusammen: „Menschen, die Dinge sagen, so wie sie Menschen niemals sagen würden, und daran scheitern – das ist die Essenz aller Derrickhaftigkeit.“

Wenn nun schon die ästhetische Ebene nicht funktioniert, was hat es dann mit „Derrick“ als Symbol bundesdeutscher Verhältnisse auf sich. Auch hier gerät Rafael Jové in eine Sackgasse. Denn die Welt, in der „Derrick“ spielt (eigentlich ist München Ort des Geschehens), hat nur an der Oberfläche etwas mit der alten Bundesrepublik zu tun. Sie ist vielmehr zeit- und ortlos. „Derrick“ spielte, so Jové, „in einem an die BRD angelehnten Land, das zu Lehrzwecken etwas vereinfacht wurde und in dem das Verbrechen immer Privatsache ist.“ Weder die Terrororganisation RAF noch die Friedensbewegung, weder die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl noch der Berliner Mauerfall spielten in der Serie je eine Rolle.

Doch auch wenn „Derrick“ sowohl ästhetisch wie auch in seiner Anbindung an die Wirklichkeit von absoluter Künstlichkeit war, so transportierte die Serie doch etwas, nämlich eine in der BRD mühsam eingehegte Law-and-Order-Ideologie. Die ist natürlich in erster Linie Herbert Reinecker zuzuschreiben, der alle „Derrick“-Folgen im Alleingang schrieb und dessen Publikationsliste schon in den 1930er Jahren begann, als er Mitglied einer Propaganda-Kompanie der Waffen-SS war – was er nie verheimlicht hat. Als aber 2013, fünf Jahre nach dem Tod von Derrick-Darsteller Horst Tappert, herauskam, dass auch er in der Waffen-SS war, stoppte das ZDF die Wiederholung von „Derrick“-Folgen.

Nach 55 klug montierten und unterhaltsamen Feature-Minuten bleiben mehrere paradoxe Eindrücke. „Derrick“ hat uns so gar nichts über die alte Bundesrepublik zu sagen, auch wenn das im Ausland anders gesehen wird. Die Serie eignet sich, weil sie nicht zeitgenössisch daherkommt, auch nicht, um als nostalgisches Trash-Phänomen gut gefunden zu werden. Schließlich weisen sämtliche filmische Versatzstücke der Serie, von der Sicherheitsarchitektur der Vorstadtvillen bis zur Bügelfalte des immer korrekt gekleideten Stephan Derrick auf eine verpanzerte Verdrängungskultur, für die der Autor und der Hauptdarsteller beispielhaft stehen.

21.09.2018 – Jochen Meißner/MK