Podiumsgespräch: Strategien der Auflösung / Oliver Augst/Christoph Korn: Volksliedmaschine / Dietmar Dath/Jan Werner: Das An-/Aus-Versprechen / Ottmar Hörl/Rainer Römer/Dietmar Wiesner: Staubmarsch (alles HR 2)

Im Status quo der Intermedialität

12.04.2002 •

Laut Peter Weibel, dem Leiter des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe, ist das Besondere der Intermedium 2, dass sie zwei für heutige Medienfestivals relevante Bedingungen erfüllt: dass sie erstens raumzeitlich offen ist, womit Weibel die Einbeziehung unterschiedlicher Medientechniken meint, und dass zweitens Künstler verschiedener Disziplinen gleichberechtigt zusammenfinden. Während dieser zweite Punkt nun wahrlich keine Besonderheit ist, werden mit dem ersten Punkt aus den technischen Möglichkeiten, bei denen der Computer eine herausragende Rolle spielt, Standards abgeleitet und als quasi zwingende Bedingungen deklariert. Zwingend wozu? Zu qualitativ hochwertigen Produktionen? Zu gesellschaftlich relevanten Positionen? Oder letztlich als rückbezügliche Nabelschau des technisch Möglichen und seiner grenzenlosen Demokratisierung?

„Strategien der Auflösung. Eine Gesprächsinstallation für Menschen und Monitore“ hieß ein Podiumsgespräch, das der Moderator Peter Kemper mit der Frage einleitete, was Identität unter den Bedingungen von Digitalisierung, Virtualisierung und Globalisierung eigentlich heiße (vgl. auch FK-Heft Nr. 13-14/02). Damit war die Nähe zum Festivalthema „X oder 0: Identitäten im 21. Jahrhundert“ bestens markiert. Schnell aber erhöhte Kemper die Fallhöhe, als er neben Norbert Bolz und Raimar Zons auf dem Podium die über Monitore Anwesenden Laurie Anderson, Sadie Plant, Jean Beaudrillard, Michel Houellebeqc und Richard Sennett vorstellte. „Von Fall zu Fall“, so Kemper, würden die sich „in unser Gespräch einschalten und als digitale Diskutanten die Schnittstellenproblematik Mensch – Maschine selbst darstellen“. Eine großartige Ankündigung für den medienalltäglichen Umstand, vorproduzierte Statements von Videoband einzuspielen. So entstehen Mythen.

Und dann geschah, was zu erwarten war: wenig Konkretion – zum Beispiel bei der Frage nach einem Ersatz für Realität in Zeiten des zuehmenden Austauschs von Wirklichkeit durch Virtualität –, dafür aber viel Spekulation – etwa über ein mögliches Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine. Dennoch fanden sich in der Debatte eine Menge bemerkenswerter und anregender Anstöße von denen Laurie Andersons Gedanke beispielhaft angeführt sei: Sie beschrieb Identität im Sinne von Persönlichkeit als eine Form von Design, als bewusste und gezielte Selbstinszenierung des Individuums bei der Suche nach Überlebensstrategien.

Beste Unterhaltung boten in einem weiteren Podiumsgespräch Jan Werner und Dietmar Daht. Als wären sie allein mit sich und ihrem medial genährten Fundus an Erinnerungen, fabulierten sie sich auf der Bühne des Medientheaters assoziativ durch ein Dickicht angerissener Themen und führten ihre eigene Situation und die aller Podiumsdiskussionen gekonnt ad absurdum. Nicht nur die Themen selbst – gegenwärtige Arbeits(losigkeits)formen, gesellschaftliches Kritikpotential, elektronische Musik, Wahnsinn und Langeweile etc. –, sondern auch die Art und Weise, in der sie verhandelt wurden, machten aus dem Auftritt bestes Stegreif-Kabarett für popkulturelle Nörgler und solche, die sich dafür halten. Äußerst humorvoll fühlten auch die so genannten musikalischen Mikroorganismen auf Jan Werners Bildschirm am Zahn der Zeit, die sich einschließlich ihrer angehängten Sounds in einer virtuellen Fruchtblase vermehrten.

Bei dem Projekt „Volksliedmaschine“ von Oliver Augst und Christoph Korn greift ein Computerprogramm auf ein vorgefertigtes Set an Samples gesungener oder gelesener Verse und Begriffe aus Volksliedern zu und generiert deren Abfolge, Anordnung und Klanggestaltung um. Das Ergebnis ist ein bemerkenswertes Spektrum bekannter Text- und Liedelemente in unbekannter Präsentationsform – eine Wiederentdeckung der Oralität in der Klanggestalt des 21. Jahrhunderts. Der Computer konstruiert einen medialen Text, der über die reine Repräsentation überlieferter Volksweisen hinausgeht, indem dieser Text immer wieder rekonstruiert und seine einzelnen Elemente mittels elektroakustischer Verfremdung zugleich destruiert werden.

Auch wenn es keine wirkliche Neuerung ist, den Computer als autonome Steuerungseinheit für die Selektion und die Kombination von Textelementen einzusetzen, so kann das Ergebnis doch überzeugen. Fragen bleiben dennoch: Wie sind zum Beispiel Herkunft und etwaige Bedeutung der Pausen zwischen den einzelnen Artikulationen zu erklären? Sind das bloß die erforderlichen Rechenzeiten des Computers, oder sind sie vom Computer per Zufallsgenerator evoziert oder gar intendiert? Muss man sich als Rezipient damit abfinden, dass der Computer unsere Wahrnehmung steuert? Soll man es gar? Und wenn ja, wozu soll das gut sein?

Die Live-Performance „Staubmarsch“ von Ottmar Hörl, Rainer Römer und Dietmar Wiesner ist eine Kulturgeschichte des Staubs, seiner Entstehung und seiner Bekämpfung. Vier Videoleinwände zeigen Impressionen zum Thema: Staub, der sich in einer Schallplattenrille verschanzt, Staub, der durch das gnadenlose Vordringen einer Kreissäge entsteht, Staub, der im Sauger verschwindet etc. Hinzu kommen ein alltagsphilosophischer Diskurs über die Omnipräsenz von Staub aus dem Off und Life-Musik der drei Autoren und Musiker im Medientheater des ZKM.

Aus dem Spannungsfeld zwischen dem gänzlich banalen Thema und der Ernsthaftigkeit, mit der es behandelt wird, entsteht ein sympathischer Humor, der für das Stück einnimmt. „Staubmarsch“ ist perfekt gemacht, eigentlich zu perfekt. Die Musik ist so eingängig und so voller bekannter Harmonien, dass von Risikobereitschaft oder Experimentierfreude keine Rede sein kann. Alle drei Ebenen würden auch für sich funktionieren, nur selten aber ergibt sich aus ihrem Zusammenspiel ein zwingender Zusammenhang, bei dem sich die einzelnen Ingredienzien gegenseitig erweitern. Trotz des ganzen Staubs ist die Performance clean, die Ästhetisierung entreißt den Gegenstand seinem Umfeld und beschönigt ihn zu einem liebenswürdigen Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit. Vielleicht war es neben allen hochaufgehängten Begründungen auch die schlichte Perfektion, die „Staubmarsch“ einen Teil des Intermedium-Preises einbrachte. 

Die Beiträge des Hessischen Rundfunks (HR) waren allesamt intermedial. Interaktiv im Sinne einer produktiven Einbeziehung des Rezipienten waren sie nicht. Der bleibt hier in seiner klassischen Rolle des Wahrnehmenden, von dem allenfalls mehrere Sinne angeregt und gefordert werden. Diese Eingrenzung fällt gerade dadurch auf, dass viele Exponate des Festivals erst durch die Aktivität des Betrachters in Gang gesetzt wurden. In diesem Sinne bewahrten die HR-Stücke eher den Status quo intermedialer Produktion, als dass sie über den Rand des Gegenwärtigen hinausblickten. Beispielsweise hätte die „Volksliedmaschine“ nicht zwangsläufig auf bereits bestehende Samples zurückgreifen müssen, sondern hätte sich das Liedgut von Intermedium-Besuchern vortragen lassen können, um dieses Material in das System einzuspeisen. Dies hätte das Projekt aus seiner technifizierten Unnahbarkeit herausgeholt, das geschlossene System geöffnet, und das an sich bemerkenswerte Projekt hätte sich nicht in Technikfaszination erschöpft, sondern Mensch und Technik tatsächlich zusammengeführt. Denn man muss sich fragen, was es bedeutet, wenn Augst und Korn ihr Projekt als ein „intermediales Gespräch mit sich selbst“ beschreiben, und was daraus folgt, dass das überlieferte Ausgangsmaterial „zu sich selbst zurückgebunden“ wird. Die vom zuständigen HR-Redakteur Christoph Buggert im Begleitbuch aufgeworfene Frage „Was soll das?“ hätte sich damit nicht mehr gestellt.

Die Intermedium ist eine gute Initiative, deren Bedeutung und Potential nicht hoch genug einzuschätzen ist. Wer die Aufführungen und Exponate der zweiten Ausgabe im ZKM wahrnahm, wähnte sich häufig in der Zukunft angekommen. Wer den Produktionen im Radio nachlauschte, traf allzu viel Bekanntes – ein Zeichen für die Besonderheit mehrmedialer Produktionen, deren Wirkung erst im Zusammenspiel der einzelnen Sinne zur Wirkung kommt. Ein Zeichen aber auch dafür, dass noch zu klären ist, warum die von Peter Weibel proklamierte raumzeitliche Offenheit heutiger Medienfestivals derartig relevant ist, wenn sie nicht auch in jedem Medium wahrnehmbar ist. Eine Antwort darauf war auf der Intermedium 2 nicht zu finden. Warten wir also auf die Intermedium 3.

• Text aus Heft Nr. 15/2002 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

12.04.2002 – Götz Schmedes/FK

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