Pläne des Deutschlandradios: Mehr online und keine Verkehrsmeldungen mehr

27.12.2019 •

Über eine Steigerung der Hörerzahlen in allen Bereichen konnte sich Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue freuen, als er am 5. Dezember im Roten Salon des sogenannten „Luftraums“ in Berlin-Schöneberg das alljährliche Hintergrundgespräch des nationalen Hörfunks eröffnete. Der „Luftraum“ ist das ehemalige Wohnhaus des Theaterkritikers Friedrich Luft, der von 1946 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1990 beim RIAS Berlin immer sonntags mit der Sendung „Die Stimme der Kritik“ zu hören war. Friedrich Luft war bei dem Deutschlandradio-Termin mit zwei eingespielten O-Tönen zu hören, aus denen man erfuhr, dass die gegenwärtigen Diskussionen über eine vorgebliche regierungsamtliche Steuerung von Journalismus nichts Neues sind – dieses Thema hat auch schon Friedrich Luft während seiner professionellen Vita begleitet.

Darauf, dass im Zuge der Digitalisierung die Medienwelt des Jahres 2019 eine andere ist als die der alten Bundesrepublik, will das Deutschlandradio mit seinen drei Programmen Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova in Zukunft mit einer neuen Strategie reagieren, berichtete Intendant Raue. Dazu ist – jenseits der traditionellen Strukturen und wellenübergreifend – ein sechsköpfiger Digitalausschuss gebildet worden, der den Output des Senders für ein Publikum erschließen soll, das nicht mehr über traditionelle Radiogeräte erreicht wird. Dabei solle eine Quote von 50:50 zwischen linearen und non-linearen Angeboten erreicht werden. Bisher liege die Quote bei 90 Prozent klassischem Radio und 10 Prozent digitaler Angebote (Audiothek, Podcasts).

Podcasts und Spotify

Der mit bis zu 50.000 täglichen Abrufen erfolgreichste Podcast „Der Tag“ vom Deutschlandfunk (werktäglich ab 17.00 Uhr abrufbar, zirka 20 bis 30 Minuten lang) soll durch einen maximal siebenminütigen Frühpodcast ergänzt werden. Der wöchentliche Kulturpodcast „Lakonisch elegant“ von Deutschlandfunk Kultur erreicht gegenwärtig maximal ein Zehntel der Hörer, auf die „Der Tag“ kommt. Ähnlich sieht es beim monatlichen Theaterpodcast aus, den Deutschlandfunk Kultur zusammen mit dem Portal nachtkritik.de produziert und unter anderem auf der Streaming-Plattform Spotify anbietet.

Dort, bei Spotify, hat man inzwischen das Radio ein zweites Mal erfunden und bietet unter dem Label „Daily Drive“ seit Oktober 2019 auch in Deutschland einen rundfunkähnlichen Mix aus Nachrichten, Podcasts und Musik nach dem Musikgeschmack der User an – Claim: „Dein Mix aus News und Musik“. Zulieferer von Inhalten ist neben etwa der „Süddeutschen Zeitung“, der „Zeit“ und dem „Spiegel“ auch das Deutschlandradio. Die Nachrichten kommen vom Deutschlandfunk, die Kulturnachrichten von Deutschlandfunk Kultur und diverse weitere Beiträge von Deutschlandfunk Nova, beispielweise aus der Morningshow „Hielscher oder Haase“. „Dabei fließt aber kein Geld, weder in die eine noch die andere Richtung“, erklärte Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber bei dem Gespräch in Berlin. Man sehe die Zusammenarbeit mit Spotify als Experiment und sei sich natürlich dessen bewusst, dass man eine konkurrierende Plattform mit Inhalten bestücke.

Inwieweit sich beim Deutschlandradio die Umschichtung ins Digitale auf das lineare Programm auswirkt (finanziell wie personell) ist noch nicht klar. Es reiche aber nicht, das lineare Programm einfach ins Internet zu stellen, so Weber weiter. Dafür seien die Podcasts ein Beispiel, denn sie müssten kürzer sein, würden meist per Kopfhörer gehört und bräuchten deshalb eine andere Ansprache der Hörer.

Die Wirklichkeit abbilden

Auf eine Form von Meldungen werden die Hörer des linear ausgestrahlten Deutschlandfunk-Programms aber bald verzichten müssen: die Verkehrshinweise. Der genaue Termin, wann sie aus dem Programm genommen werden, steht noch nicht fest, angedacht dafür ist der 1. Februar 2020. Statt je nach Verkehrsdichte Staus ab zwei, fünf, sieben oder zehn Kilometer aus dem gesamten Bundesgebiet nach den Nachrichten zu vermelden, kann der Deutschlandfunk künftig also die täglich mehr als 30 Minuten so eingesparte Sendezeit anders nutzen.

Im Jahr 1 nach der Aufdeckung der gefälschten Reportagen von Claas Relotius („Spiegel“ u.a.) war im Oktober beim Deutschlandradio ein langjähriger Mitarbeiter aufgefallen, der nicht selbst aufgenommene O-Töne als seine ausgegeben hatte und damit seine Anwesenheit vor Ort belegen wollte. Man hat sich inzwischen in beiderseitigem Einvernehmen getrennt. Die Deutschlandfunk-Chefredakteurin und Leiterin der Hauptabteilung Politik, Birgit Wentzien, kündigte für das nächste Quartal eine Überarbeitung des hausinternen Leitfadens „Journalistisches Selbstverständnis“ an. Auch die Recherchen für Beiträge sollen in Zukunft dokumentiert werden und gegen die Verführungen des Storytellings wolle man sich wappnen, indem man die Wirklichkeit abbilde, auch wenn sie unspektakulär sei, so Wentzien weiter.

Neben dem analogen und digitalen Radio will das Deutschlandradio auch off air weiter aktiv bleiben und sein monatliches Programmheft verbessern. Der Umfang soll zwar von 92 auf 84 Seiten reduziert werden, gleichzeitig will man aber auch die platzfressenden Redundanzen aus den Tagesprogrammübersichten eliminieren und so netto mehr Raum für programmbegleitende Texte haben. Bei dem hohen Anteil an Eigenproduktionen sicher eine sinnvolle Entscheidung.

27.12.2019 – jm/MK