Philipp Löhle: Am Rand (MDR Kultur)

Größtenteils harmlos

08.11.2019 •

Wie erzählt man eine Geschichte über die Entstehung eines autoritären Regimes in Zeiten, in denen Geschichten der Apokalypse auserzählt sind, weil sie ohnehin als unabwendbar gilt? Warum nicht als Komödie, mag sich Philipp Löhle gedacht haben, als er sein Stück „Am Rand“ als Auftragswerk für das Staatstheater Nürnberg geschrieben hat, an dem er gegenwärtig Hausautor ist. Uraufgeführt wurde die Theaterversion des Stücks mit dem eingeklammerten Untertitel „(ein Protokoll)“, auf den die Hörspielfassung verzichtet. Regisseur Leonhard Koppelmann nimmt den Untertitel aber als Spielanweisung ernst und gibt dem Hörspiel gleich eine doppelte protokollarische Struktur.

Penible Orts-, Zeit- und Personenangaben markieren die Protokolleinträge, nachdem zuvor eine Kinderstimme jede Szene von 1 bis 124 durchzählt, angekündigt von einem kreischenden Signature-Sound, den man irgendwo schon mal gehört zu haben meint. Dabei werden auch viele Nummern übersprungen und einzelne von einem Erzählerpaar explizit gestrichen. In der Abmoderation des Stücks werden die beiden als „Chronist“ (Aljoscha Stadelmann) und „Zensor“ (Rafael Stachowiak) identifiziert. Außerdem gibt es noch eine Fußnotensprecherin, die dazwischenjingelt, und „Funfacts and Quotations“, also ebenso nützliche wie dramaturgisch überflüssige Informationen.

Wenn so laut auf die Selbstreflexivität gepocht wird, kann man sich fragen, worum es hier eigentlich geht. Vielleicht um eine Metakomödie, die ihre eigenen Grundlagen zerlegt? Es sind einige Handlungsstränge, die durch das insgesamt 96-minütige Hörspiel führen (86 Minuten plus zehn Minuten zusätzlich für ein alternatives Ende). Da ist eine 53-jährige Mutter, die kurz vor ihrem krankheitsbedingten Tod ihrem Sohn ein Foto seines ihm bisher unbekannten leiblichen Vaters zeigt. Da ist ein Polizeioberwachtmeister, der in das Kaff Randhausen nahe der tschechischen Grenze versetzt wird. Da ist eine Dorfgemeinschaft, die eine Bürgerwehr organisiert und da ist schließlich in einem Wald ein sieben Stockwerke großer Troll, der mit den Kindern spielt.

Auslöser für die komischen Verwicklungen ist der Polizist (Sönke Möhring), der bei seiner ersten Dorfbegehung feststellt, dass Randhausen sicherheitstechnisch eine Katastrophe ist. Niemand schließt Fahrräder oder Haustüren ab, Sachen werden oft monatelang ohne finanzielle Gegenleistung verliehen und über die Grenze kommen Überläufer aus Tschechien und verwüsten die Gerstefelder. Die Fußnotensprecherin (Gisa Flake) erklärt, dass als Überläuferbachen oder -keiler Wildschweine bezeichnet werden, die dem Frischlingsalter entwachsen, aber noch nicht ausgewachsen sind.

Es sind alle Zutaten für eine Komödie vorhanden und doch fragt man sich bei diesem Hörspiel: Wo will man hin mit all den komischen Personen, den Witzen und der Situationskomik? Dass ein idyllisches Dorf durch den Zuzug eines Ordnungshüters, der aufgrund seiner déformation professionelle überall nur Risiken sieht, zu einer abgeschlossenen Gemeinde mit Grenzzaun und selbstgefertigten Schlagbaum wird, hat natürlich ein vorhersehbar dystopisches Potenzial. Doch darum geht es offensichtlich nicht, denn dazu ist das alles zu harmlos erzählt. Am Ende des regulären Hörspiels gibt es zwar einen Toten und in Randhausen wird letztendlich in einer grotesken Steigerung der Dritte Weltkrieg ausgelöst, doch das wirkt so unbefriedigend an die Story herangeklatscht, dass der Autor gleich ein zweites, traumhaft-utopisches Ende angeflanscht hat. Das – und damit die zehn zusätzlichen Minuten – konnte man jedoch nur im Netz hören, worauf der Moderator von MDR Kultur im linearen Radioprogramm hinwies. Aber auch diese selbstironische Volte lässt einen etwas ratlos zurück.

Von Seiten des Autors, der Dramaturgie und der Regie wird im Hörspiel „Am Rand“ offensichtlich ein umfassendes Wissen um die Regeln und Methoden des komischen Erzählens mit großem Aufwand und fast 30 Schauspielern eingesetzt, um einen Text zu inszenieren, in dem es um alles und doch letztendlich um nichts geht. Außer vielleicht darum, dass sich die Macher nach Kräften bemüht haben, weder in das Klischee der Dystopie zu verfallen noch allzu flach komödiantisch zu werden. Wenn man sich aber so ausführlich über die Bauart, die kunstfertige Inszenierung und eventuelle Vermeidungsstrategien Gedanken machen muss, dann ist das ein sicheres Indiz dafür, dass es mit der zugrunde liegenden Geschichte nicht so weit her ist.

08.11.2019 – Jochen Meißner/MK