Paulina Czienskowski: Aber sie dachten nichts zu Ende (Deutschlandfunk Kultur)

Toxisches Familiendrama

14.08.2021 •

Glücklich darf sich die Hörspieldramaturgie schätzen, der es auch heute noch gelingt, auf den immer kleiner werdenden und abschmelzenden Fundus von Originalhörspielen zurückgreifen zu können. Das Originalhörspiel, vor vielen Jahren noch ein Alleinstellungsmerkmal der dramatischen Radiokunst bei den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern, fristet inzwischen den Sonderfall im Hörspielprogramm, wenn man einmal von den Originalbeiträgen beim „ARD-Radio-Tatort“ lobend absieht. Dort sind stets Originalhörspiel-Manuskripte die künstlerische Hörspielbasis, was seit inzwischen 13 Jahren das Sendegeschehen original und originell bereichert, wobei der Bereich der „Radio-Tatorte“ demnächst teilweise relauncht werden soll.

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert das Originalhörspiel mit dem Hinweis: „Ein Originalhörspiel ist aus einem Text oder einer akustischen Klangkomposition entstanden und ursprünglich für die Produktion und Erstveröffentlichung als Hörspiel konzipiert worden. Es ist bereits bei seiner Entstehung ausschließlich auf die speziellen medialen Anforderungen und Möglichkeiten dieser Kunstform zugeschnitten worden.“

Die 1988 in West-Berlin geborene Autorin und Journalistin Paulina Czienskowski hat sich mit ihrem für Deutschlandfunk Kultur produzierten Hörspiel „Aber sie dachten nichts zu Ende“ (Dramaturgie: Christine Grimm) jedenfalls auf die Rahmenbedingungen des Originalhörspiels eingelassen und dabei allem Anschein nach auf die Adaptierung eigener literarischer Vorlagen („Ein Manifest gegen die emotionale Verkümmerung“, „Taubenleben“) ganz verzichtet. Das 65-minütige Hörspiel, bei dem Lena Brasch Regie führte, erzählt in trockenen, monologisch arrangierten Selbstbespiegelungen die radikale Selbstzerstörung einer Kleinfamilie, die sich dem Diktat eines tyrannischen Vaters (Manuel Harder) und einer diabolisch agierenden Hauskatze bedingungslos beugt. Hass und Aggression wüten in dieser verwunschenen Familienaufstellung, kraft- und hilflos beobachtet und kommentiert von der nähwütigen Mutter (Meriam Abbas), verstört begleitet (bald monologisch, bald dialogisch erinnernd) durch die Tochter Claude (Lisa Hrdina), die dem familiären Hexenkessel auch durch sezierende Beobachtung nicht entrinnen kann – alle sind seelisch zerstört, demoliert, identitätslos und am Ende, der Mensch in der Familie, Vater, Mutter, Tochter, und die blutrünstige Katze.

Der eigentümliche und doch sehr gestelzte Hörspieltitel „Aber sie dachten nichts zu Ende“ (ein direktes Zitat aus dem Familien- und Katzenkonflikt) mag als Fingerzeig der Autorin gedacht gewesen sein, wie dieses Familiendrama im Radio aus therapeutischer Sicht zu lesen und zu hören sei. Aber als Vademekum entpuppte sich dieser Ratgeber nun auch nicht.

Ungeachtet einer feinen, unaufdringlichen und leicht hingetupften musikalischen Akzentuierung in dem Stück (Philipp Thimm) sind die inneren Monologe und Gedankenspiele in diesem toxischen Familiendrama oft verstörend hölzern angelegt. Als Beleg mag da zum Beispiel die Rückbesinnung der Tochter in der dritten Person dienen, wenn die Autorin stelzend sagen lässt: „Es dauerte dann nicht lang, bis Claudes Mutter sich von dem Drang, sich unbedingt von allem, was war, entledigen zu wollen, vielmehr von allem, was noch immer ist, bis sie sich da am Telefon kurzerhand selbst besänftigte und jene impliziten Vorwürfe zu einer lieb gemeinten Option einer gemeinsamen Entrümpelung von Claudes Zimmer und Keller umformulierte“ (Minute 50). Da sind dann sprachlich oder hörspielästhetisch doch manche Fragezeichen aufgetürmt, die sich im Rahmen dieses Debüthörspiels nicht so ohne weiteres enträtseln lassen. Der gesuchte psychoanalytische Gang in die Tiefe einer entwurzelten und zerstörten Familie wird zum Fallstrick für dieses Originalhörspiel, das sich sehr viel vorgenommen hat und doch scheitert.

14.08.2021 – Christian Hörburger/MK

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