Paul Plamper/Alban Rehnitz: (schreibt auf. unsere haut.) – Projekt RAF. Reihe „Kampfzonen“ (HR 2)

Die RAF als Polit-Combo

22.10.1999 •

Stimmen überlagern einander, eine nimmt die Worte und Satzfragmente einer anderen auf, führt sie fort, ergänzt sie. Dann kommunizieren die Stimmen miteinander, stehen für Aussagen, die mit direkter Gegenrede konfrontiert werden, um sich schließlich in längeren Monologen ganz auf eigene Ideen zu konzentrieren. Diverse Drums kommen als Hintergrund oder im Wechsel zu den Worten und Sätzen hinzu, akzentuieren die Textpassagen, suchen nach den in ihnen angelegten dramaturgischen Spannungsbögen, um den Gedanken ihre Emotionalität zu entlocken.

Was da in rhythmische Strukturen aufgelöst und mit musikalischen Klängen ausgestaltet wird, sind keine erdachten sprachlichen Spielmaterialien, keine Texte, die für eine derartige Umsetzung konzipiert wurden, sondern politische Realien aus der Zeit des bewaffneten Kampfes der Rote Armee Fraktion (RAF) in den 70er Jahren gegen die Macht in der Bundesrepublik. Es sind Auszüge aus den Briefen, die den Inhaftierten der RAF als interne Kommunikation zur Überbrückung der Isolation und als Forum für ihren politischen Diskurs dienten: „das info“.

Paul Plamper und Alban Rehnitz nutzen die aus den RAF-Kassibern ausgewählten Texte als Spielmaterial, ohne sie in reines Spiel zu verwandeln. Ihr 50-minütiges Stück „(schreibt auf. unsere haut.) – Projekt RAF“ war der Auftakt zu der vierteiligen Hörfunkreihe „Kampfzonen“, mit der die Hörspielabteilung des Hessischen Rundfunks (HR) das Verhältnis von Moral und Ästhetik, von Parteinahme und Kunst im Zusammenhang mit der Erfahrung von Krieg zur Diskussion stellen will.

Natürlich müssen sich die Realisatoren des Stücks fragen lassen, warum derartige Texte denn einen Groove bekommen und wieder zu swingen anfangen sollten, wie Plamper in seinem Arbeitsbericht schreibt. Der erste Gedanke zum Ansatz des Stücks, hier werde Revolutionsromantik freigesetzt, bestätigt sich nicht. Es gelingt den Realisatoren aber durchaus, den politischen Texten durch die ästhetische Verdichtung etwas Neues abzugewinnen (Regie: Paul Plamper und Andreas Weiser, Musik: Kenny Martin und Andreas Weiser). Die Auffächerung einzelner Aussagen auf die drei Stimmen (Christin König, Martin Engler und Thomas Stecher) bewirkt den Eindruck eines überindividuellen Ichs, und so erfasst die Ästhetik ein zentrales Motiv der gruppeninternen Debatte: Die Gedanken des einen sind die Gedanken des anderen und nur im und für das Kollektiv denkbar. Zumindest sollten sie es sein, denn dass dieses Ideal spätestens in den Jahren im Hochsicherheitstrakt aufgebrochen wurde, ist bekannt.

Damit aber ist der Erkenntnisgewinn dieser Umsetzung bereits erschöpft. Dass die Texte rhythmische Strukturmuster aufweisen, hilft zwar ihrem musikalischen Arrangement. Die Frage ist, ob das Arrangement auch den Texten hilft. Die Antwort lautet nein, denn die Texte bleiben auf sich gestellt, drehen sich hermetisch nur noch um sich selbst und haben keinen Kontakt mehr zur Außenwelt, denn jegliche Suche danach wird ganz von der Musik in Anspruch genommen. Und so kommt es auch, dass die Wirkung der Texte immer dann am stärksten ist, wenn sie frei stehen, in verinnerlichtem und dabei gerade intensivem Gestus vorgetragen werden. Die Musik kommentiert nicht nur, sie glättet auch, selbst in den Sequenzen, in denen sie Aggressivität und Anspannung ausdrückt. Sie nimmt den Texten ihr politisches Potential, lässt sie nur noch als ästhetische Texte wirken, so dass die Botschaften der RAF wie Liedverse daherkommen, deren gesellschaftliche Wirkung sich dem Niveau ambitionierter Rockkonzerte nähert.

Plamper und Rehnitz sehen in ihrer Umsetzung, die vor zwei Jahren auf die Bühne des Berliner Ensembles kam, die einzige Möglichkeit, den Texten ohne Sympathisierung oder Denunziation nahe zu kommen. Gut 20 Jahre nach dem Deutschen Herbst und 10 Jahre nach der kontrovers diskutierten Veröffentlichung von Auszügen des „infos“ nun also die Ästhetisierung. Was kann darauf noch folgen?

22.10.1999 – Götz Schmedes/FK

• Text aus Heft Nr. 42/99 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.10.1999 – FK

Print-Ausgabe 7/2021

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