Oswald Egger: Triumph der Farben (SWR 2/Ö1)

Grüntopf-Onyx

07.10.2019 •

Der gebürtige Südtiroler Oswald Egger, Ausnahme-Lyriker und Professor für Sprache und Gestalt an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel, hat sich längst mit den akustischen Geheimnissen und Landschaften des Hörspiels vertraut gemacht und wurde mehrfach mit dem Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet (beispielsweise 2004 für das Stück „tuning, stumm“ und 2010 zusammen mit Iris Drögekamp für das Hörspiel „Ohne Ort und Jahr“). Für seine experimentelle Herangehensweise an die Lautung der Sprache, ihre Bauformen und Stolpersteine für Sprecher, Laien und Liebhaber wurde ihm 2010 wohlbegründet der Oskar-Pastior-Preis verliehen, wobei die Jury damals bemerkte: „Mit Spielwitz und Risikofreude macht er noch die entlegensten Vokabularien und Wortschätze zum Material seiner mathematisch-poetischen Versuchsanordnungen und treibt so die Traditionen experimentellen Schreibens voran.“

Obwohl keiner literarischen Schule irgendwie verpflichtet, mag der Leser der Eggerschen Sprech- und Sprachschätze nicht von ungefähr sich auch an den Stuttgarter Lyriker und Hörspielforscher Reinhard Döhl (1934-2004) und dessen Experimente erinnern, vielleicht auch an Raoul Schrott, den lyrischen Kosmopoliten und Komparatisten aus Tirol, der im Hörfunkprogramm des SWR ebenfalls vielfältige Spuren hinterlassen hat. Oswald Egger vertieft in seiner jüngsten Radioarbeit „Triumph der Farben“ in akribischer Verdichtung das Sinnenspektrum des Farbkosmos mit seinen durchaus beschränkten oder eingeschränkten Transponierungen in ein sprachliches Koordinatenfeld, wobei der alleingelassene Hörer vor den Lautsprechern Farbnuance um Farbnuance nachzuempfinden hat oder hätte. Chorisch angeordnete Stimmen, bald solistisch, bald simultan sich überlappend, darunter die des Autors selbst, entführen das geduldige Ohr in ein naturnahes oder technisch befremdliches Farberleben. Da treffen zum Beispiel aufeinander die Farbwörter „Apfelblütfarbe, Blauglockenbaumblau, Perlhell, Paprika, Vormorgen-Röteln, Grüngift, Alhambragrün, Grüntopf-Onyx, Smaragdeidechse, Schultafelschwarz, Ungarngrün“ und und und.

Selbsterklärend ist das „wörtliche Farbenspiel“ im Radio nicht unbedingt und der Hörer hätte gern mehr Hilfestellung beim Hören/Lesen dieser strengen Partitur erhalten, denn in der Programmankündigung des Südwestrundfunks (SWR) war versprochen: „Der Transfer in die akustische Hörspielfärbung verleiht ihr die Leichtigkeit der sprach-musikalischen Bewegung, des Klangs, der nicht immer die Frage nach der Bedeutung stellt und gleichwohl beglückt.“

Das 52-minütige Hörspiel „Triumph der Farben“ entstand als Gemeinschaftsproduktion des Österreichischen Rundfunks (ORF) und des Südwestrundfunks, bei der Manfred Hess vom SWR die dramaturgische Leitung hatte. Iris Drögekamp, die als Regisseurin schon mehrfach den Hörspielen Oswald Eggers ihre Handschrift verliehen hat, ging bei der Produktion Stücks, das am 30. Juni im ORF-Programm Ö1 urgesendet worden und am 19. September bei SWR 2 zu hören war, mit radikalem Purismus ans Werk: Da wurde nichts nach vorne gespielt, keine kulinarischen Hörwiesen eingebaut und kein Klangteppich unterlegt. Das Wort, die Wörter mussten sich als Solitäre behaupten, als Klangkörper, die ganz offensichtlich auf eine außerhalb des Hörspiels stehende Farb- und Bilderwelt zu verweisen hatten. Das gelang zumindest insofern überzeugend und einladend, als mit den österreichisch eingefärbten Stimmen von Franziska Füchsl, Brigitta Falkner, Händl Klaus, Bodo Hell und der des Autors eine sympathische und einladende Entfremdung von der deutschen Schriftsprache glückte.

Die Vorlage zu „Triumph der Farben“ basiert unzweifelhaft auf dem gleichnamigen – bibliophil mit Fadenheftung ausgestatteten – Buch des Autors, das im vergangenen Jahr von der Kunststiftung NRW in einem opulenten Vierfarbdruck herausgegeben wurde. In 166 Kapiteln, eingängig, experimentell durch und durch und allemal farblich einleuchtend, durchmisst dort Egger Farben und Licht, Individuum und Kosmos und macht es dem Leser zwar nicht leicht, lässt ihn aber ganz unaufgeregt teilhaben an dem, was auch Wassily Kandinsky (1866-1944) in seinem Essay „Über das Geistige in der Kunst“ (1911/12) angerissen hatte. Oswald Egger beschließt sein Buch über Farben, grandiose Synästhesien und Kulturlandschaften mit dem sophistischen Hinweis: „Man muss den Mantel nicht größer schneiden, als man das Tuch hat“, ein Aperçu, das man bei der Hörspielproduktion vielleicht intensiver hätte beherzigen sollen.

07.10.2019 – Christian Hörburger/MK