ORF-Produktion „Laute Nächte“: Ein Hörspiel über Gehörlosigkeit ist Hörspiel des Monats September

07.10.2020 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Laute Nächte“ von Thomas Arzt zum Hörspiel des Monats September benannt. Es handelt sich um eine Produktion des Österreichischen Rundfunks (ORF), Regie führte Andreas Jungwirth (Redaktion: Kurt Reissnegger). Die Komposition für das Stück stammt von der Wiener Band Hearts Hearts. Die Ursendung des 45-minütigen Hörspiels erfolgte am 29. September um 14.00 Uhr im Programm Ö1.

„Laute Nächte“ ist ein Hörspiel über Gehörlosigkeit. Mitwirkende in dem Stück sind Marie-Luise Stockinger, Felix Kammerer, Sarah Viktoria Frick und Nikolaus Barton, wobei die beiden Schauspielerinnen die Rollen zweier gehörloser Freundinnen spielen. Im Zentrum der Geschichte steht Anna, die eine der beiden Frauen, die nachts in einem Club beim Tanzen Martin kennenlernt, einen Mann, der nicht gehörlos ist und auf der Tanzfläche vom Handicap Annas zunächst nichts bemerkt. „Eine klassische, fast prototypische Boy-meets-Girl-Geschichte“, schreibt die Jury der Akademie in ihrer Begründung, diene Autor Thomas Arzt hier „als Folie für eine Versuchsanordnung“.

Weiter schreibt die Jury unter anderem: „Die Band Hearts Hearts liefert den atmosphärisch dichten Soundtrack der Clubnächte, der laut oder nahezu komplett gedämpft ist – je nachdem, ob wir gerade Martins oder Annas Perspektive hören. Dies kann und will keine naturalistische Abbildung des Erlebens von Gehörlosen sein, schafft dafür aber eine klare dramaturgische Struktur, die das Gefühl, in getrennten Welten zu leben, erfahrbar macht. Erzählt wird die Geschichte im Wechsel zwischen Martins Dialogen mit seinem ebenfalls hörenden Freund Erik und Annas Dialogen mit ihrer gehörlosen Freundin Kathi. Die Stimmen der beiden Frauen sprechen sozusagen die Untertitel zu ihren Gebärdensprachdialogen.“

Unbequeme Fragen

In formaler Hinsicht, so die Jury, besteche „das poetische Hörspiel durch seine dramaturgische Stringenz und eine alltagsnahe Sprache, die gleichwohl gerade so stilisiert ist, dass klar wird: Es geht hier nicht um platten Sozialrealismus, sondern um die Reflexion von Erfahrungswelten.“ Inhaltlich sei die große Leistung des Stücks, „dass es nicht nur Hörenden einen Perspektivwechsel in die Situation von Gehörlosen ermöglicht. Die Themen, die Anna im Dialog mit Kathi verhandelt, sind ganz generell für das Verhältnis von Menschen mit und ohne Behinderung relevant, wenn nicht gar noch allgemeiner für das von Mehrheitsgesellschaft und marginalisierten Gruppen.“

Es sei „der zentrale Kunstgriff“, befindet die Jury, die Geschichte als Liebesgeschichte zu erzählen, und dies ganz ohne Kitsch und Klischee. Genau daraus beziehe das Hörspiel „seine stärkste Wirkung“, schreibt die Jury und fährt fort: „Es verhandelt das Verhältnis von Menschen mit und ohne Behinderung im Kontext einer intimen Beziehung – und damit sieht sich das Publikum hautnah mit der Frage konfrontiert, wie man denn selbst mit einer solchen Situation umgehen würde. Wer würde sich in gesamtgesellschaftlichen Diskursen nicht für Barrierefreiheit und Inklusion stark machen? Aber wie würde man sich im Kontext privater Beziehungen verhalten? Das Hörspiel wirft solche unbequemen Fragen in formal gelungener Weise auf und genau deshalb hat es die Jury zum Hörspiel des Monats September 2020 gewählt.“ Der ORF-Hörfunk strahlte das Stück „Laute Nächte“ im Rahmen der „Ö1‑Themenwoche Hören“ aus.

07.10.2020 – MK

` `