ORF-Produktion „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ ist Hörspiel des Monats Oktober

14.11.2019 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ zum Hörspiel des Monats gewählt. In dem Buch, das dem Hörspiel zugrunde liegt, hat die österreichische Schriftstellerin Christine Lavant (1915-1973) ihren sechswöchigen Aufenthalt in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt verarbeitet. Sie war dort 1935 auf eigenen Wunsch. Lavants Aufzeichnungen, die sie 1946 verfasste, wurden zu ihren Lebzeiten nicht als Buch veröffentlicht. 1959 wurden sie ins Englische übersetzt und die BBC sendete in dem Jahr eine Funkfassung. In Deutsch erschien ihr Text erstmals 2001; im Jahr 2016 wurde das Buch im Wallstein-Verlag neu ediert. Die Hörspielbearbeitung stammt von Peter Rosmanith, der bei dem Stück auch Regie geführt hat.

Bei dem Hörspiel handelt es sich um eine Autorenproduktion im Auftrag des Österreichischen Rundfunks (ORF). Die Erstsendung des 53-minütigen Stücks erfolgte am 5. Oktober um 14.00 Uhr im Programm Ö1. Mit „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ wurde beim Hörspiel-des-Monats-Wettbewerb nun erstmals eine österreichische Produktion ausgezeichnet. Seit 2019 können aufgrund einer Statutenänderung neben den deutschen Sendern auch der ORF und das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) Stücke für den Wettbewerb einreichen. Im Februar war erstmals eine Schweizer Produktion zum Hörspiel des Monats benannt worden (vgl. MK-Meldung). Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ auszuzeichnen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«Peter Rosmaniths Hörspielfassung von Christine Lavants „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ (ORF 2019) besitzt die Intensität eines Kammerspiels in besonderem Maße: Es inszeniert die subjektiv verstörende Perspektive einer suizidgefährdeten Zwanzigjährigen auf den stationären Aufenthalt in der „Landes-Irrenanstalt Klagenfurt“ Mitte der 1930er Jahre. Zugleich dokumentiert bereits der poetisch-metaphorische Ausgangstext von Lavant die bedrückende Atmosphäre in einer der Psychiatrien, die später institutionell an der Vorbereitung der Euthanasie-Gräuel beteiligt waren. Konzentriert auf die Sicht der Insassin einer Kranken- und Heilanstalt erzählt dieses Hörspiel auch von deren manischer Verliebtheit, die durch das Abhängigkeitsverhältnis vom ärztlichen Therapeuten einen Missbrauch forciert.

Diese komplexe Geschichte wird stimmlich geradezu hypnotisierend umgesetzt von der mehrfach ausgezeichneten Südtiroler Schauspielerin Gerti Drassl. Die nüchterne, hierarchisch organisierte Zwangsexistenz, explizit die Unterdrückungsmechanismen in einer psychiatrischen Verwahranstalt, werden durch die Kraft der Poesie im Kontrast zur scharfen Situationsanalyse artikuliert. Hin- und hergerissen zwischen Lavants Gefahr der Selbstauflösung und ihrem Versuch, sich aus dem Tunnel des inneren Schreckens zu befreien, hinterlässt das Hörspiel ein geradezu erschütterndes Stimmungsbild. Verstärkt wird dieses zum empathischen Hören einladende Setting durch die gegenseitige Durchdringung der Text- und Musikbereiche (Instant Composings/„Improvisationen aus dem Augenblick heraus“). Dadurch wird die Atmosphäre der Bedrohung, Demütigung und existentiellen Verunsicherung der Protagonistin beispielhaft inszeniert. Text und Musik (von Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith) begegnen sich auf dieser Ebene völlig gleichberechtigt.»

14.11.2019 – MK

Print-Ausgabe 24/2019

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