Oliver Kluck: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Eine Betrachtung der gleichnamigen Autobiografie von Andreas Altmann (SWR 2)

Der Ton macht die Musik

28.02.2014 •

Der Dramatiker und Hörspielautor Oliver Kluck (vgl. FK-Kritik) hat sich an die Adaptation des autobiografischen Bestsellers von Andreas Altmann gemacht, der 2011 im Piper-Verlag erstmals erschienen ist und schon allein durch seinen Titel verschrecken oder verstören könnte: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheiß­leben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Kluck spricht ganz bewusst nicht von einer Hörspielbearbeitung, Adaptation oder Funkeinrichtung, sondern er begnügt sich hier mit dem klugen Hinweis und Untertitel „eine Betrachtung“.

Diese Einordnung erlaubt dem Bearbeiter zunächst große Freiheiten und entbindet ihn von Anfang an von der chronologischen Nacherzählung der Torturen und Demütigungen, die durch den sadistischen Vater und Devotionalienhändler aus Altötting an Andreas Altmann und den übrigen Familienmitgliedern vollzogen wurden. In 168 Kapiteln und einem Nachwort ist in der Vorlage das physische Martyrium und die psychische Demontage und Zertrümmerung einer Familie in einer schonungslosen Sprache und Perspektive dargestellt, so dass in der „Zeit“ bemerkt wurde: „Das Buch ist das Beste und Böseste, was seit Thomas Bernhards ‘Auslöschung’ zu lesen war über die Abgründe des Menschseins.“

Oliver Kluck – und das ist vom Ansatz her durchaus geschickt angedacht – lässt die akustische „Betrachtung“ mit einer dreiminütigen Rückblende in diverse Talkshows beginnen, in denen der heutige Erfolgsschriftsteller und Reiseautor Altmann ein gern gesehener und eloquenter Gast ist. Es wird unter anderem im O-Ton in einen ARD-Talk mit Anne Will (vom 14. Februar 2012) und in ein Interview mit Inka Schneider (NDR Fernsehen, 3. Februar 2013) eingeblendet – es sind Auszüge, die sich freilich erst im Verlauf des 80-minütigen Hörstücks erschließen können, da sie zunächst erratisch und dysfunktional wirken. Anschließend lässt Kluck die Autobiografie vom Ende her aufrollen. Das ist kühn, funktioniert aber gut, zumal der Hörer gleich in der Exposition erfahren muss, dass Andreas Altmann von seiner Mutter kurz nach der Geburt mit einem Kopfkissen erstickt werden sollte – ein geplanter Totschlag, der durch die zufällig herbeieilende Hebamme in letzter Sekunde vereitelt werden konnte.

Wer die Autobiografie („Hätte ich eine liebliche Kindheit verbracht, ich hätte nie zu schreiben begonnen, nie die Welt umrundet“) gelesen hat, wird gerne einräumen, dass Oliver Kluck bei aller Freiheit in seiner akustischen Montage ganz nah an Geist und Intention der Vorlage geblieben ist. Das Eruptive, Schamlose, Sadistische und Mörderische bleibt vollständig erhalten, wenngleich der Protagonist und Erzähler (Werner Wölbern) mit seiner Stimme sehr oft zu metallisch-extrovertiert, zu schreiend-schneidend durch Altmanns Lebensbericht und Schicksal geführt wurde. Manchmal glaubt der Hörer einen „Wochenschau“-Sprecher aus den 1950er Jahren – mit peitschender Stimme wie Harry Giese – zu hören. Warum wurde diese eisige Modulation am Mikrofon dem Opfer in den Mund gelegt? Da hätte Leonhard Koppelmann als Regisseur vielleicht doch um Mäßigung des stimmlichen Aggressionspotenzials nachsuchen müssen, denn auch in der Biografie erlebt der Leser oft ein verletztes Opfer, einen rachitisch ausgemergelten Helden, der auch leise, lyrische Zwischentöne in sich trägt und nicht nur polternd die eigene zerstörte Jugend durchstolpert.

Ganz anders hingegen die Stimmen von Vater und Mutter (Jochen Striebeck, Hedi Kriegeskotte). Beide Künstler führen mit ihren wohltemperierten, geradezu verführerischen Stimmen in eine verlogene Familienidylle, die durch den stimmlichen Kontrapunkt das Entsetzen umso schärfer hervortreten lässt. Dies zeugte von einer klugen und angemessenen Besetzung. Insgesamt war das Stück eine spannende „Betrachtung“ zunächst missglückter Lebensentwürfe, wobei auch diesmal der Ton die Musik machte. Am 30. April ist im Schauspielhaus in Graz eine Theaterfassung von Andreas Altmanns Roman zu sehen (Bearbeitung ebenfalls von Oliver Kluck).

• Text aus Heft Nr. 9/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.02.2014 – Christian Hörburger/FK