Norbert Lang: How dare you! – Echo einer Rede (Bayern 2)

Ein akustisches Meme

28.03.2020 •

Auf die Eingangsfrage, was ihre Botschaft an die Führer der Welt sei, antwortet die damals 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg: „My message is that we’ll be watching you.“ Dann setzt sie zu ihrer knapp fünfminütigen Rede an, die mit dem Satz „This is all wrong“ beginnt und mit „Change is gonna come, whether you like it or not“ endet. Dazwischen Sätze über das CO2-Budget in Gigatonnen und die Zeit, wie lange es noch reichen wird. Berühmt geworden ist die Rede für die darin viermal wiederholte ikonische Redewendung „How dare you!“. Mit Verve schleudert Thunberg dieses „Wie könnt ihr es wagen!“ am 23. September 2019 auf dem UN-Klimagipfel in New York den versammelten Machthabern entgegen und kritisiert deren leere Worte und das Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum.

Unmittelbar danach macht die Rede der jungen Schwedin ihre Runde auf den Plattformen der sozialen und redaktionellen Medien. Bereits am nächsten Tag stellt der Musiker und YouTuber Theo Rio ein kurzes Mashup der Rede und des New-Wave-Hits „Our Darkness“ der britischen Sängerin Anne Clark aus dem Jahr 1984 online, wenige Tage später eine Langfassung, Abrufe bis heute: knapp 900.000. Der schwedische Death-Metaller John Mollusk macht sich Thunbergs Redetext ebenfalls für ein Video zu eigen und erreicht 1,5 Mio Abrufe. Der britische Big-Beat-Musiker Fatboy Slim sampelt die Redewendung „Right here, right now“ und mischt ihn unter seinen gleichnamigen Hit aus dem Jahr 1999.

Kurz, Greta Thunbergs UN-Rede ist innerhalb kürzester Zeit nicht nur eines der meistkommentierten Statements geworden, sondern zugleich auch ein akustisches Meme für künstlerische Bearbeitungen. In seiner für den Bayerischen Rundfunk (BR) produzierten Hörcollage „How dare you! – Echo einer Rede“ hat sich der Hörspielmacher Norbert Lang vorwiegend mit den Reaktionen auf die Rede in den redaktionellen und sozialen Medien beschäftigt.

Die Traditionslinie zu den großen Collagisten Ror Wolf und Ferdinand Kriwet sind unüberhörbar. Doch die Recherche für ein solches Stück ist dank des Internets erheblich einfacher geworden. Vielsprachige O-Töne stehen abrufbar im Netz und was früher noch wochenlange harte analoge Schnittarbeit mit Tonbandschnipseln war, ist jetzt digital mit ein paar Klicks erledigt. Umso höher sind die Anforderungen an die Auswahl und Montage der Schnipsel.

Norbert Lang hat sich für einen klar strukturierten, durch Pausen akzentuierten Aufbau entschieden. Los geht es mit den verschiedenen Arten, den Namen der Protagonistin auszusprechen. Im Deutschen mit „u“ oder „ü“, im Englischen mit „th“, in anderen Sprachen je nach ihren Zungen. Es folgen bestimmte Schlagworte, die mit Greta Thunberg in Verbindung gebracht werden, das „Inspirierende“ ebenso wie das „Autistische“.

Weiter geht es mit den Interpretationsspielen der Journalisten und Kommentatoren. Ein paar besorgte Bürger („This girl should be shouting to a therapist not to the world”) und irre Verschwörungstheoretiker kommen zu Wort. Ebenso wie der US-amerikanische Fernsehsender Fox, der Greta Thunberg „a mentally ill swedish child exploited by her parents“ nannte und sich später dafür entschuldigen musste. Von US-Präsident Donald Trump wurde die Klimaaktivistin als „Nice young lady looking forward to a bright and wonderful future“ bezeichnet – eine Bezeichnung, die sie daraufhin eine Zeitlang in ihre Twitter-Profilbeschreibung übernahm.

Aus zeitgenössischer Perspektive erkennt man einige der Stimmen, die in dem 51-minütigen Stück zu hören sind: vom Grünen-Politiker Cem Özdemir bis zum Philosophen Slavoj Žižek, vom amerikanischen Late-Night-Talker Trevor Noah bis zum deutschen Kabarettisten Serdar Somuncu. Und auch Arno Orzessek, der Presseschauer von Deutschlandfunk Kultur, ist mit seinen wunderbar gedrechselten Sätzen mit dabei. In wenigen Jahrzehnten wird man dieses Stimmenquiz nicht mehr so einfach spielen können, die Hintergründe nicht mehr so präsent haben und nicht wissen, was nur referiert wird und was genau so gemeint ist.

Die Sendung wirke wie „ein sorgfältig komponierter Twitter-Feed zum Thema Klimakrise“, schreibt der Bayerische Rundfunk in einem begleitenden Text. Genau so ist es und genau das ist das Problem. Denn so zurückhaltend und punktuell Norbert Lang radiophone Mittel wie Echos, Delays, Loops und Schichtungen einsetzt, so zurückhaltend ist er im analytischen Zugriff auf sein Material. Viel gewagt hat er nicht mit seiner Sammlung akustischer Snapshots, die hoffentlich in 30 Jahren genug Patina angesetzt haben, um, wenn man sie dann anhört, genießen zu können, wie medial geredet wurde, als man noch eine 50-prozentige Chance hatte, die Steigerung der Durchschnittstemperatur des Planeten auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. (Das Hörspiel „How dare you! – Echo einer Rede“ ist über den BR-Hörspielpool weiterhin zum Anhören abrufbar.)

28.03.2020 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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