Noam Brusilovsky: Der Tod des Iwan Iljitsch – Sterben in Bern (Deutschlandfunk/SWR 2)

So gekonnt wie selten

24.08.2019 •

Buchklassiker einem breiten Radiopublikum nahezubringen, das ist das Ziel vieler Literaturadaptionen. Abgesehen von dem anderen Medium geschuldeten Kürzungen wird dann oft auf eine möglichst textgetreue Umsetzung geachtet. Das Hörspiel des Regisseurs Noam Brusilovsky mit dem Titel „Der Tod des Iwan Iljitsch – Sterben in Bern“ ist hingegen nicht einfach ein ‘Ins-Radio-Bringen’ der Novelle „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Leo Tolstoi, sondern hier überwiegt die persönliche Überschreibung des ursprünglichen Stoffes durch Noam Brusilovsky.

Wichtig im Zusammenhang der Entstehungsgeschichte des Hörspiels ist, dies zu erwähnen: Die Textvorlage hat nicht nur den einen medialen Transformationsprozess vom Buch zum Hörspiel hinter sich. 2018 bereits hat Brusilovsky am Konzert Theater Bern (KTB) den „Tod des Iwan Iljitsch“ inszeniert. Diese Tolstoi-Interpretation bildete somit Brusilovskys erste Aneignung und Überschreibung des Stoffes.

Bei seinem von Deutschlandfunk und Südwestrundfunk (SWR) produzierten Hörspiel „Der Tod des Iwan Iljitsch – Sterben in Bern“ hat Brusilovsky nun die von ihm selbst vorgenommene Inszenierung (bzw. deren Entstehungsprozess) fiktionalisiert und damit eine inhaltliche Erweiterung des damaligen Theaterkonzepts vorgenommen – was sich auch im verlängerten Titel des Stücks ausdrückt. Als Platzhalter für Brusilovsky agiert auf dieser fiktionalen Ebene die Figur des israelischen Theaterregisseurs Amir Kaplan (gesprochen von Dor Aloni). Er kommt an ein Theater in Bern (das unter diesem Namen nicht existente „Schauspielhaus“), um dort Tolstois „Der Tod des Iwan Iljitsch“ zu inszenieren und gerät dabei in Konflikt mit dem Schaupielertrio, der Dramaturgin und nicht zuletzt mit sich selbst.

Die drei Schauspieler, die diese drei Schauspieler sprechen, sind dieselben wie in Brusilovskys KTB-Inszenierungen. Selbstverständlich, dass die repräsentativen, aber fiktiven Figuren, die sie im Hörspiel sprechen, andere Namen tragen: Caroline (Florentine Krafft), Reto (Nico Delpy) und Daniel (Gabriel Schneider). Einen höheren Literarisierungsgrad weist die überzeichnet angelegte Dramaturgin Orsina (Carina Braunschmidt) auf, die kein unmittelbares Vorbild als Platzhalterin zu ersetzen hat und der mit ihrer Geschäftigkeit und Konfliktorientiertheit eine wichtige, temposteigernde Rolle zukommt.

Als Grund der Konflikte stellt sich in dieser Geschichte zum einen das massive Einbringen der persönlichen Krankengeschichte von Amir Kaplan dar, der eine Krebserkrankung überwunden hat. So bleibe kaum Platz für eine Bühnenfassung der Novelle, wie die Dramaturgin bemängelt. Zum anderen hat Kaplan Schwierigkeiten damit, dass nicht er selbst es ist, der seine Erfahrungen der Todesüberwindung darstellen kann, sondern dass er diese Aufgabe an die Schauspieler abtreten muss, weshalb er ständig etwas an deren Arbeit auszusetzen hat. Wie realitätsnah diese Kabbeleien als ‘Reenactment’ von Brusilovskys Inszenierung letztes Jahr am KTB sind, belässt das Stück im Bereich der Vermutung.

Doch es geht in diesem Hörspiel nicht in erster Linie darum, aus dem Nähkästchen des Theaterbetriebs zu plaudern, eher ist Selbstreflexion bei Brusilovsky Programm. Mit der in vielen biografischen Details an ihn selbst angelehnten Figur des Amir Kaplan beweist Brusilovsky dabei Mut zu gekonnter, leicht makabrer Selbstironie. Denn wie Kaplan seine Umgebung für das Nichtverstehen des eigenen Lebensdramas abstraft, das bietet viele humorgesättigte Momente. Die zusätzliche Düsternis als Kontrastmittel ist, dass Brusilovsky selbst vor einigen Jahren eine Krebserkrankung überstanden und diese zum Thema einer Solo-Performance gemacht hat, aus der O-Töne in das Hörspiel einfließen.

Überhaupt sind durch Kontext oder nachträgliche Bearbeitung verfremdete O-Töne ein wesentlicher Bestandteil dieses Hörspiels. Am auffälligsten sind dabei die zahlreichen Berner Experten in Sachen Tod: Bestatter, Ärzte oder Trauerberater. Interviews mit ihnen zum Thema Tod werden immer wieder eingespielt. Manchmal wird dabei der Dialekt per Voice-over synchronübersetzt, manchmal spricht ein Schauspieler die Fragen des Interviewers nach und ‘reenactet’ so mit dem Aufnahmematerial das ursprünglich geführte Interview, manchmal sind auch nur die Experten selbst mit kurzen Statements zu hören.

Am Ende des 52-minütigen Hörspiels weiß man zwar nicht unbedingt, worum es in Tolstois Novelle überhaupt geht, außer ums Sterben der Hauptfigur; aber man weiß, wie viel die eigene Beerdigung in Bern kosten würde, und hat einige schöne Songs von Lou Reed und Leonhard Cohen mal wieder gehört. Und man hat einem Hörspiel beigewohnt, dass gekonnt mit der Brechung von Realität und Fiktion arbeitet, so gekonnt wie selten.

24.08.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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